Abschied von Dr. Heimo Schönhofer

Lieber Heimo!

Lieber, verehrter verblich’ner Freund!

Die nun folgenden Worte an Dich zu richten – im Beisein all Deiner Lieben und Freunde – erscheint mir so, alsob wir forthin im Gespräch blieben über diese Stunde hinaus und für alle Zeit und Ewigkeit. Es ist das erste Mal, dass Dir einer meiner Nachrufe, -nämlich Dein Nachruf – nicht zur Korrektur vorgelegt wird, wie dies über Jahrzehnte Gepflogenheit war – zwischen uns. Ja, Du warst mir ein verlässlicher Lektor, dem ich beinahe alle meine Schriftstücke anvertraut habe, bevor sie dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt waren. Es waren sprachliche Hürden zu überwinden, zumal Oberflächliches weg zu hobeln und es waren vor allem den verhärteten Standpunkten die offensichtliche Schärfe zu nehmen, um der anschließenden Pointe die Chance zu geben, alles bekömmlich auf den Punkt zu bringen. Du hast mir da leidenschaftlich zugestimmt und mir dort vehement Korrekturen eingefordert. Ja – und nun gilt mein Nachruf Dir, dem nunmehr die Widerrede nicht mehr gestattet ist. Ich sage es gerade heraus: Es ist mir Bürde und Ehre zugleich vor Dir zu stehen, zu Dir zu sprechen, ohne Dein Wohlwollen und Missfallen herausfordern zu können, die meinen Botschaften erst den Feinschliff verpassten.

Ein paar Worte zur Freundschaft

Unser Zugetansein reicht in die frühen 60er Jahre zurück. Mag sein, dass die lange Zeitspanne dazu beitrug, die Beziehung zu vertiefen. Es mag auch sein, dass es die vielen Auslandsreisen waren, die wir gemeinsam mit dem Sing- und Tanzkreis des Alpenvereins erlebt haben. Du als Geograph warst ja immer – als personifiziertes Nachschlagwerk – mit dabei. Mit Dir – lieber Heimo – wurde jede abenteuerliche Lustbarkeit  zu einer erbaulichen Bildungsfahrt.

Ja, Freundschaft braucht also die Zeit zum Wachsen, zusätzlich den unbedarften jugendlichen Schabernack und ebenso den staunenden Blick und die Eroberung der großen weiten Welt. Was Freundschaft aber nicht aushält ist die permanente Selbstgefälligkeit, die Genügsamkeit in vermeintlich-friedlicher Harmonie. Nein, ein guter Freund ist erst einer, der einem auch ehrlich die Leviten lesen kann. Er darf auch einmal grob sein und Stacheln zeigen. Wie sagt doch der Volksmund treffend: „Man kann nicht zugleich Freund und Schmeichler sein“. Kurz und gut: Ein Freund ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt…

Und weil mir heute die Gelegenheit geboten ist, für alle Deine Freunde zu sprechen, darf ich gestehen, dass wir stets Deine Bewunderer waren, lieber Heimo – was Deine Bildung, Weit- und Weltsicht betrifft. Du warst in allen Fächern des Lebens und Wissens gebildet und belesen. Ausgehend von Deinem Fachgebiet der Geographie waren die Kultur der Völker, die Weltreligionen, die großen Denker der Epochen, die Musik und Poesie , die Naturwissenschaft und die Philosophie bei Dir gut aufgehoben. Und sicher ist meine Aufzählung mehr als lückenhaft, ich bitte Dich also um Nachsicht. Alles zusammen aber gereichte Deine Vielseitigkeit zum Vorteil der vielen Studierenden, die Deinem Rat als Bibliothekar gefolgt sind. Und ebenso war es ein Vorteil für all Deine Freunde, die Deine permanenten Anmerkungen zu schätzen wussten.

Nie wäre es uns dagegen eingefallen – und es wäre uns auch schwer gefallen -, Dich einer politischen Richtung zuzuordnen. Zu sehr hattest Du Kenntnis über die Pole und Gegenpole des menschlichen Zusammenlebens in Geschichte und Gegenwart, zu sehr warst Du der Analytiker, der uns anleitete, die Dinge aus allen Blickwinkeln zu sehen und begreifen zu lernen. Hast Du überhaupt bemerkt, wie wir an Deinen Lippen hingen?

Glückhafte Augenblicke: Die Herrenrunde

Es wäre also zu schade gewesen, Dich nur fallweise und zufällig zu treffen und deshalb war die vor 12 Jahren gegründete illustre Herrenrunde eine dem regelmäßigen Gespräch dienende Chance. Sie war am Anfang meinem beruflichen Debakel geschuldet und eine heilende therapeutische Maßnahme. Du aber warst der eigentliche Mittelpunkt der wöchentlichen Sprechstunde – wie wir sie nannten – in Abgrenzung zum verbrauchten Stammtisch-Begriff.

Welch erlesene Köstlichkeiten boten diese Stunden der leidenschaftlichen Aussprache zu Kultur- und Tagespolitik,  zu Religionsfragen, sportlichen Ereignissen gespickt mit den allerneuesten Witzen, die allzu gerne  – wegen unseres fortgeschrittenen Alters  –  auch einen Anflug von Erotik haben durften.

Nein, es war nie geplätscherte Oberflächlichkeit im Spiel. Du warst in Deinem strahlenden Element und wir fühlten uns als Deine angereicherten Teilchen. Und deshalb soll an dieser Stelle gerne von großer Dankbarkeit die Rede sein. Du warst für uns der große Denker, der große Humanist, ein überaus begabter großer Erzähler und zugleich ein guter Zuhörer. Du warst ein großer leidenschaftlicher Weltverbesserer und zugleich ein kleiner Mann.

Nein, wir haben Deine Kleinheit nie als Mangel empfunden und wenn wir Dich Hühnerzwerg genannt haben, dann nicht spöttisch sondern eher wissend, wie sehr Du für jedes Sprachspiel empfänglich bist. Lass Dir gesagt sein: Wir haben Dich immer als großen Menschen erlebt und geliebt. Und sage jetzt nicht: Es genügt schon – wie Du es in Deiner Bescheidenheit stets getan hast, um ja nicht in die Hauptrolle gedrängt zu werden, die Du dennoch inne hattest.

Unsere tiefe Verehrung gebührt Dir auch deshalb, weil Du mit Deinem Vorsprung an Wissen und Lebensweisheit nie aufgetrumpft hast. Nein, Du hast Dein Wissen stets bekömmlich in kleinen Portionen unter uns ausgeteilt, gut und leicht verdaulich, sodass die Partikel des Wissens gut aufgesogen und nachhaltig verankert waren.

Verträgst Du noch mehr Lob? Du hast die Unwissenden mögen, Du hast die Laien und Unbedarften geschätzt und an ihnen gerne das Lebenspraktische entdeckt und bewundert, welches Dir eine Bürde war. Und Du warst den Künstlern zugetan und noch mehr den Lebenskünstlern, als großer Bewunderer des Handelns aus der Notwendigkeit heraus. Der fundamentalen Kraft von Intuition und Imagination hat bei Dir stets alle Aufmerksamkeit gegolten. Dort nämlich, wo Verlust, Wiederentdecken und Erfinden sich ein Stelldichein geben. Deine ungebremste Zuwendung war also Teil Deiner Forschungsreise durchs ganze Leben und Deine Zuneigung war nie eine von oben herab.

Wir alle haben Dich erlebt als einen interessierten Kulturförderer und Konzertbesucher, vielfältig in der Auswahl von der Klassik bis zum Kabarett, Oper und Operette, Theater und Laienspiel, Literatur und Brauchtum, von der Volksmusik bis zum Jazz. Und Du hast Dich später mit Deinem speziellen Wissen ehrenamtlich im Volksliedarchiv, in der Bibliothek der Steirischen Handelskammer und auch im Jazzinstitut der Kunstuniversität Graz eingebracht. Du hast also Spuren hinterlassen.

Der Stadtmensch und das Landleben

In der Stadt warst Du geboren und am Lande fandest Du Erbauung und Glück. Dein und Euer Refugium am Hühnerberg hast Du geliebt und ebenso gerne hast Du den Weg in die südsteirischen Weinberge genommen – und ins Ausseerland. Die gerade im Saft stehenden Narzissen dürfen daher heute nicht fehlen. Sie sind der letzte Gruß aus jenem Teil der Steiermark, dem Du so zugetan warst.

Ich spreche von der einzigartigen Landschaft und der Unangepasstheit dieses Menschenschlags, von dem selbsterwählten Anderssein und dem sich selber auf die Schaufel nehmen können. Das Verweilen inmitten überzeugter  Sonderausgaben war für Dich stimmig, denn Du meintest: Wir sind auf Erden – jeder für sich schon ein Sonderling. Und Du hattest größten Respekt vor der Respektlosigkeit der Ausseer, die gerne den Politikern auf der Nase herumtanzen.

Und dennoch warst Du nie einer, der sich gleich verbrüdert hat, um einer von ihnen zu sein. Nein, Deiner Nähe zu Land und Leuten war eine Nuance respektvolle Distanziertheit unterlegt, die ja bekanntlich konträr zu jeder Anbiederung steht. Und Dein Ausseerland war auch jenes, das Dich in den Sog des Ländlerischen im langsamen ¾ Takt gezogen hat. Und weil wir schon bei der Musik sind: Eine ähnlich tiefe Liebe hast Du beim Klang der eigentümlichen Jodler empfunden, deren spannungsgeladenes Herantasten an die Vollkommenheit Dich immer wieder beglückt hat. 

Die innige Beziehung zu Büchern

Zuguterletzt komm ich auf Deine Bücher zu sprechen, ja ich sage Deine Bücher, denn ich habe bislang niemanden kennen gelernt – dem Gedruckten zugetan – wie Du es stets zelebriert hast. Uns allen bleibt das Bild in Erinnerung: Der Heimo rechts und links beladen mit Sackerln voll mit Zeitschriften und Büchern. Du warst unser und vieler anderer Freunde Zuträger von Informationen, Vermittler von Fachbüchern, von Krimis, bis hin zu den Zeitungsausschnitten aus den Gemeinde- und Pfarrblättern der letzten Jahrzehnte. Ja, Du warst Zusteller, Buchhändler und Rezensent zugleich. Du warst unser ganz persönlicher Redakteur, lieber Freund.

Ja, Bücher waren Deine Leidenschaft und daher erlaube ich mir vom Präteritum ins Präsens zu wechseln, um in der Nacherzählich etwas von der Intimität spürbar zu machen, die zwischen Dir und Deinen Büchern geknistert hat:

Wie Du ein Buch in die Hand nimmst, nicht unachtsam und nie so nebenbei sondern mit dem Pathos des zärtlichen Liebhabers – das bleibt uns unvergessen. Wie Du das Werk mit der linken umschlingst und mit der rechten den Deckel aufschlägst, mit dem Zeige- und Mittelfinger das Vorsatzblatt und die Vakatseiten überblätterst um dann auf den Innentitel zu stoßen. Dein Auge und Sinn erfassen zugleich den Autor, den Haupttitel, den Untertitel, das Erscheinungsjahr, den Verlag. Dann verinnerlichst Du den kurzen Lebenslauf des Autors, überlässt  das Werk ganz der linken Hand und überfliegst den Text am Buchrücken. Zum Schluss verpasst Du dem Buch eine kleine  Buchrückenmassage und legst das Werk behände zur Seite.

Ja, es waren wohl tausende Bände, die durch Deine Hände gewandert sind und in Deinem Kopf Karteikarten hinterlassen haben, abrufbar für alle Zeit – die nun stehen geblieben ist. Das alles ist nun unwiderruflich gelöscht und lässt uns in Ratlosigkeit zurück.

Das Weltliche und das Göttliche

Und nun liegst Du vor uns, dem Leben entrissen, entseelt und für den Weg in die Vergänglichkeit bestimmt. Diese Endgültigkeit  wäre erdrückend für uns, wenn es nicht diese leise Spur Deiner Aura gäbe, die hier und jetzt zugegen ist und uns allen noch etwas Zeit gibt dafür, die innige Dankbarkeit auszudrücken, Dich ein Leben lang gehabt zu haben.

Zuguterletzt wende ich mich zum Himmlischen und Göttlichen: Wir werden – weil es vielen Anwesenden sicherlich ein Bedürfnis ist – Dir im Anschluss ein Vaterunser beten. Dies im guten Wissen, dass es Deine Toleranz zulässt und mit unserem Anspruch, dass Dich die guten Wünsche in die Ewigkeit begleiten mögen. Das Göttliche und das Weltliche, lieber Heimo, haben sich für diese Stunde zusammengetan um Dir gemeinsam zu huldigen. Denn Dein Bekenntnis als überzeugter Agnostiker paarte sich immer schon mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor all dem weltlich Schönen, dem Du zeitlebens Deine Beachtung geschenkt hast.

Deine ersten Worte – nach der ärztlichen Diagnose – waren ja die der Dankbarkeit, so lange gesund gelebt zu haben. Das warst Du – typisch Heimo, auch dem Unvermeidlichen rational ins Auge blickend. Und am Schluss hast Du dennoch gekämpft, wolltest „nicht dorthin, wo alle hinmüssen“ – so Deine Worte. Auch das spricht für Dich, lieber Heimo, denn wer die Welt als Wunder erfasst hat, sich selbst im Dasein so lustvoll geräkelt hat wie Du, der kann ja gar nicht locker von dannen ziehen.

Und so nehmen wir Abschied

Du kannst sicher sein – mein lieber Freund – dass wir Dich gerne in unsere Nacherzählungen zurückholen werden. Und in unseren Träumen sollst Du uns als vertrautes Buch erscheinen, welches wir alle die Gunst hatten, es gelesen zu haben.

Es ist eine Ausgabe in Hardcover mit edlem Einband und feiner Fadenbindung – ein Sonderdruck in limitierter Auflage – nämlich als Unikat herausgegeben. Kurz gesagt:

Lieber Freund, Du bleibst uns in unseren Träumen als Prachtband in Erinnerung.

Nachruf für Dr. Heimo Schönhofer, Zeremonium Kalsdorf, 5. Juni 2020; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.