Abschied von Mag.rer.nat Herbert Krienzer

Liebe Nicola! Verehrte Familie Krienzer

und liebe Freundinnen und Freunde des Verstorbenen!

Selten sind sich Bürde und Ehre so nahe wie in diesem Augenblick, wenn es gilt, einem lieben Freund letzte Worte nachzurufen. Ja, nicht nur mir wird in diesem Moment auch bewusst, was ich dem Herbert alles schon früher sagen hätte sollen.

Und so sind die folgenden Worte eigentlich längst fällig, mehr noch: Sie sind Trostspender in der Not, ein letztes Hereinholen des Verblichenen in unser aller Mitte. Und dabei bleibt beinahe die Zeit stehen, während sich der Verstorbene  anschickt, ein Teil der Erinnerung seiner Lieben zu werden.

Dieses Aussetzen des Zeitgefüges gemahnt uns alle, der Vergänglichkeit nicht zu trotzen, ihr eher etwas Positives abzugewinnen, sie mit Demut hinzunehmen – wie es uns die Natur so deutlich im Jahreslauf lehrt.

Herberts Lebenslauf zeigt Vielfalt

Herbert Krienzer wird den Eltern Edeltraud und Herbert am 1. Jänner 1967 als zweites von fünf Kindern geboren. Das Neujahrskind wächst im weststeirischen Södingberg auf und verbringt seine glückhafte Kindheit im bäuerlichen Umfeld am Lande. Die Volksschule besucht er in Stiwoll und die Musikhauptschule (es war der erste Jahrgang dieser Ausrichtung) in Gratwein. Dann folgen die Jahre im BORG Hasnerplatz in Graz – mit musischem Schwerpunkt.

Sein beruflicher Weg zum Hauptschullehrer führt ihn über die PÄDAK der Diözese Graz Eggenberg zum Botanik-Studium an der Karl Franzens-Universität zu Graz, welches er mit dem Magisterium abschließt. Und hier vereinen sich zwei wesentliche Stränge, die für Herbert ein Leben lang Bedeutung haben sollten: Die Neigung zum Musischen und die Liebe zur Natur. Beide bilden für ihn ein eigenes Universum, dem er sich verpflichtet fühlt. Ihm sind forthin Naturschutzanliegen ebenso wichtig wie der Schutz des Menschen – vor allem vor sich selbst. Herbert sucht also den Gleichklang zwischen Natur und Menschsein und wird zum Propheten, er ist einer, der als gutes Beispiel vorangeht.  

Ab dem zehnten Lebensjahr lernt er Geige in der Musikhauptschule Gratwein, später am J.J. Fux Konservatorium der Stadt Graz. Herbert schließt sich dem Volkstanzkreis St. Bartholomä und dem Sing- Volkstanzkreis Übelbachtal an und sammelt erste Erfahrungen als Tanz- und Chorleiter und bei zahlreichen Reisen ins Ausland. Er ist zudem vielfältig engagiert im Kirchenchor und in der Ortsmusik Stiwoll, zusätzlich im Jugendchor Rein. Seine Verlässlichkeit, seine Kompetenz in musikalischen Fragen und sein fröhliches Wesen werden in diesen Gemeinschaften außerordentlich geschätzt.

Und: Herbert Krienzer steht mit den Liebochtaler Tanzgeigern in der Tradition des weststeirischen Musikantentums, als verjüngte Ausgabe der Kapelle Zwanzger sozusagen, die sie verehren und der sie gerne nacheifern. Als Gründungsmitglied gehört er ab dem Jahre 1984 zu den prägenden Gestalten dieser Gruppe, die bei  ungezählten Hochzeiten, Bällen und Tanzfesten ihre dienende Rolle für tanzlustige und gesellige Menschen zu erfüllen weiß. Ich verfolgte damals – als Citoller Tanzgeiger –  mit Freude und Interesse diese Neuauflage weststeirischer Musikantentradition, wie sie in alten Forschungsunterlagen dokumentiert und bis heute nacherzählt wird. Die Liebochtaler Tanzgeiger verschreiben sich mit großer Leidenschaft der Tanzmusik auf Streich und Blas, ohne Behübschung durch Elemente anderer Musikgenres, ohne aufgesetzte Virtuosität und ohne Anleihen aus dem Showgeschäft. Natur pur also und äußerst erfolgreich.

Herbert ist nur kurz in seinem erlernten Beruf als Hauptschullehrer tätig, fühlt sich aber zunehmend hingezogen zu neuen Initiativen und so ist es nicht verwunderlich, dass er ab dem Jahre 1988 im Steirischen Volksliedwerk tätig wird – zuerst als freier Mitarbeiter, später als Angestellter, zuletzt wieder als freier Mitarbeiter.

Und hier passt der Begriff Freigeist in sein Lebensbild

Er ist kein Jasager, kein gehorsamer Durchführer, sondern immer einer, der das vorgelegte Konzept aus allen Blickwinkeln betrachtet, selber Vorschläge macht und zur Reife bringt. Seine Selbstständigkeit und Gestaltungskraft stehen der Loyalität zu mir – als dem damaligen Geschäftsführer – nie im Wege. Er tut dem Gesamtkonzept gut, denn er ist jener Mitarbeiter, der darauf pocht, dass der Sache zu dienen ist, nicht der Eitelkeit und nicht der Politik.

Das ist der Herbert gewesen mit seiner grundehrlichen Haltung und seinem hohen Anspruch. Beides sind Eigenschaften, die er nicht dem Studium und seinem Magistertitel schuldet sondern seiner Herzensbildung, für die es ohnehin keine Universität gibt. Seinem Elternhaus ist er daher immer dankbar gewesen für diesen charakterlichen Feinschliff. Wir wissen ja: Allzu oft verheddert sich diese Herzensbildung auf dem Wege über die steile Karriereleiter.

Zurück zu seiner Arbeit im Volksliedwerk: Was sich in diesen Jahren des Aufbruchs, des erstmaligen Öffnens des Archives samt seinen vielen neuen Initiativen,  getan hat, das hat den Herbert Gott sei Dank angelockt und zu uns gebracht. Er übernimmt die Betreuung der Musikantenstammtische, der Musikantenfreundlichen Gaststätten, er ist vielseitiger Referent vor allem für Jodelkurse und für Kinderprogramme, er ist auch ein ausgezeichneter Handwerker und arbeitet mit dem engagierten Ratschenbauer Franz Ederer zusammen. Osterratschen gehören ja – das wissen nur wenige – zur Gattung der Volksmusikinstrumente.

Und er verfasst Beiträge in unserer Zeitschrift, ist forthin Mitautor zahlreicher Liederbuchausgaben u.v.a.m. Er ist in vielen Bereichen freischaffend tätig, als Musiklehrer, als Volksmusik- und Volkstanzreferent und versteht es bestens, das Jodeln mit dem Wandern in Verbindung zu bringen. Diese beiden Dinge – so hat er angemerkt – passen zusammen, wie der Heidensterz zur Schwammerlsuppe.

Und nun wende ich mich an Dich, lieber Herbert!

Die Illusion, mit Dir noch einmal sprechen zu können, die brauche ich jetzt in dieser schweren Stunde, um noch einmal das Gefühl an mich heran zu lassen, Dir nahe zu sein, dem Schicksal zu trotzen und Dich für Augenblicke zurück zu rufen aus dem Dortsein, welches du selbst erwählt hast.

Nunmehr spreche ich also mit Dir: Und zu allererst erwähne ich Deine Partnerschaft mit Nicola, Eure neunjährige und innige Beziehung, die ich in unseren Begegnungen erleben durfte. Eure Freude am Gestalten des Wohnraums und des Gartens in Badegg bei Tobelbad, das Planen und das Verwirklichen, sich dem Wohlfühlen hinzugeben im eigenen Refugium. Dazu auch der Erfolg Eurer Kurse, die getragen waren vom vollendeten Beispielgeben, von Euren ineinander schwingenden Stimmen, mit denen Ihr die Kursteilnehmer regelrecht verführt habt. Nein, es ging Dir nicht nur darum, eine Fertigkeit weiter zu geben, sondern vor allem darum, das Lebensgefühl des selber Klingens erlebbar zu machen.

Und so hast Du in allen Bereichen agiert: Als Vortragender, als Kursleiter, als Autor von Fachbeiträgen und – das möchte ich noch gesondert erwähnen – als Mitstreiter des mit Wolfram Märzendorfer gegründeten Harmonikazentrums in Graz. Nein, diese Einrichtung war der Kulturpolitik nicht wichtig genug, Euch und Dir aber ein Lieblingsprojekt, groß im Bewusstsein um die weltweit verzweigte Industriegeschichte der Harmonikainstrumente, klein und fein in Eurer persönlichen Zuwendung und in der Liebe zum Detail.

Ja, Du warst mir diese vielen Jahre ein besonderer Mitarbeiter, der die  Oberflächlichkeit kulturpolitischer Maßnahmen erkannt hat und beiseite schieben musste. Einer, dem die beamteten Formalismen ein Gräuel waren und der die Machenschaften nicht leiden konnte. Kurz geschüttelt: Es waren die Machenschaften, die Dir zu schaffen machten…

Du hast die politische Trennung von Kultur und Volkskultur ebenso richtig als absurd eingestuft. Und ja, es ist enttäuschend, wie hier an den Lebensgesetzen der musikalischen Traditionen vorbeiregiert wird und mit welcher Impertinenz sich die Politik damit zu schmücken weiß. Du hast Dich wissentlich rausgehalten und Dich daher forthin stärker dem Vermitteln verschrieben, also nicht pflichtschuldig untergeordnet sondern zielsicher gehandelt – weil Dich die Widerstände einerseits belastet, andererseits angestachelt haben.

Herbert, Du warst darüber hinaus ein selbstloser Zeitgenosse, einer, der es für alle richtig machen wollte, einer, der gar nie an sich selbst gedacht hat. Einer, der nicht an die Schalthebel kommen wollte, weil Du nämlich ausschließlich mit der Feinabstimmung des Menschsein zu tun haben wolltest. Du warst im wahrsten Sinne des Wortes ein Feinstimmer und Sozialarbeiter, der über das Singen alle Sinne angesprochen und auch erreicht hat. Du warst zudem ein Perfektionist und vielleicht nicht immer im Einklang mit jenen, die alles „locker vom Hocker“ nehmen. Und dennoch zeigte Deine Arbeit stets neben der Tiefe die Brauchbarkeit für das Leben, die den Weg zu Genuss und Lustbarkeit wies.

Verzeih, lieber Freund, mein Ausufern. Ich weiß, Du warst keiner, der sich in einer Lobhudelei wohlfühlen konnte. Du hattest auch keine Freude am Smalltalk, suchtest stets den tieferen Sinn und das brauchbare und erbauende Gespräch. Gestatte mir in diesem Augenblick aber dennoch diese verbale Umarmung, die Dich für alle deine Lieben in den Mittelpunkt rücken soll. Das hast Du nämlich wahrlich verdient und es ist mir im Augenblick auch persönlich hilfreich: Nur durch die Suche nach den Dir angemessenen Worten, überwinde ich die Fassungslosigkeit, das Nichtbegreifen und auch die Frage, ob ich Dir zu wenig beigestanden bin all die Zeit, vor dieser Stunde.

Was lässt die Vergänglichkeit dennoch zurück?

Herbert, sei getrost: Du hast zahlreiche tiefe Spuren hinterlassen. Die vielen Menschen, denen Du über die Stimme ein klingendes Leben vermittelt hast, sind Dir dankbar für alle Zuwendung. Darüber hinaus gibt es viele, die Deine Eigenschaften, Deine Lebensmoral und Deine Kompetenzen bewundern und denen Du Anlass bist, Dir zeitlebens nachzueifern.

Und nun bist Du von uns gegangen, Herbert, bedrängt und gefangen in Ängsten und im eigenen Zweifel, hast Du den Zeitpunkt zu gehen selbst bestimmt. In Deinem Abschiedsbrief finden sich dennoch keine Vorwürfe, keine Klage und Anklage, sondern Du entschuldigst Dich für Deine schicksalshafte Entscheidung bei allen, die Du in Verzweiflung hinterlässt. Das zeigt Deine wahre Größe.

Sei bitte getrost: Wir haben Dich im Diesseits und auch im Jenseits des Lebens ins Herz geschlossen. Das Ende Deiner Pein und Verzweiflung gereicht uns zum schmerzlichen Trost und niemand von uns ist Dir ob deiner letzten Entscheidung gram.

Danke, lieber Herbert!

Ich sage Dir ein letztes Dankeschön für alles, was Du Deinen Lieben, den vielen Menschen und auch mir gegeben hast. Du warst eine Kulturinstitution für sich, ein äußerst innovativer Denker sondergleichen und daher nehme ich mir die Freiheit heraus, Dir dieses Dankeschön auch im Namen des Landes Steiermark auszusprechen, dem Du mit so viel Leidenschaft wahrlich gedient hast.

Nachruf in der Feuerhalle Graz, 17. Juli 2020; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.

Abschied von Dr. Heimo Schönhofer

Lieber Heimo!

Lieber, verehrter verblich’ner Freund!

Die nun folgenden Worte an Dich zu richten – im Beisein all Deiner Lieben und Freunde – erscheint mir so, alsob wir forthin im Gespräch blieben über diese Stunde hinaus und für alle Zeit und Ewigkeit. Es ist das erste Mal, dass Dir einer meiner Nachrufe, -nämlich Dein Nachruf – nicht zur Korrektur vorgelegt wird, wie dies über Jahrzehnte Gepflogenheit war – zwischen uns. Ja, Du warst mir ein verlässlicher Lektor, dem ich beinahe alle meine Schriftstücke anvertraut habe, bevor sie dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt waren. Es waren sprachliche Hürden zu überwinden, zumal Oberflächliches weg zu hobeln und es waren vor allem den verhärteten Standpunkten die offensichtliche Schärfe zu nehmen, um der anschließenden Pointe die Chance zu geben, alles bekömmlich auf den Punkt zu bringen. Du hast mir da leidenschaftlich zugestimmt und mir dort vehement Korrekturen eingefordert. Ja – und nun gilt mein Nachruf Dir, dem nunmehr die Widerrede nicht mehr gestattet ist. Ich sage es gerade heraus: Es ist mir Bürde und Ehre zugleich vor Dir zu stehen, zu Dir zu sprechen, ohne Dein Wohlwollen und Missfallen herausfordern zu können, die meinen Botschaften erst den Feinschliff verpassten.

Ein paar Worte zur Freundschaft

Unser Zugetansein reicht in die frühen 60er Jahre zurück. Mag sein, dass die lange Zeitspanne dazu beitrug, die Beziehung zu vertiefen. Es mag auch sein, dass es die vielen Auslandsreisen waren, die wir gemeinsam mit dem Sing- und Tanzkreis des Alpenvereins erlebt haben. Du als Geograph warst ja immer – als personifiziertes Nachschlagwerk – mit dabei. Mit Dir – lieber Heimo – wurde jede abenteuerliche Lustbarkeit  zu einer erbaulichen Bildungsfahrt.

Ja, Freundschaft braucht also die Zeit zum Wachsen, zusätzlich den unbedarften jugendlichen Schabernack und ebenso den staunenden Blick und die Eroberung der großen weiten Welt. Was Freundschaft aber nicht aushält ist die permanente Selbstgefälligkeit, die Genügsamkeit in vermeintlich-friedlicher Harmonie. Nein, ein guter Freund ist erst einer, der einem auch ehrlich die Leviten lesen kann. Er darf auch einmal grob sein und Stacheln zeigen. Wie sagt doch der Volksmund treffend: „Man kann nicht zugleich Freund und Schmeichler sein“. Kurz und gut: Ein Freund ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt…

Und weil mir heute die Gelegenheit geboten ist, für alle Deine Freunde zu sprechen, darf ich gestehen, dass wir stets Deine Bewunderer waren, lieber Heimo – was Deine Bildung, Weit- und Weltsicht betrifft. Du warst in allen Fächern des Lebens und Wissens gebildet und belesen. Ausgehend von Deinem Fachgebiet der Geographie waren die Kultur der Völker, die Weltreligionen, die großen Denker der Epochen, die Musik und Poesie , die Naturwissenschaft und die Philosophie bei Dir gut aufgehoben. Und sicher ist meine Aufzählung mehr als lückenhaft, ich bitte Dich also um Nachsicht. Alles zusammen aber gereichte Deine Vielseitigkeit zum Vorteil der vielen Studierenden, die Deinem Rat als Bibliothekar gefolgt sind. Und ebenso war es ein Vorteil für all Deine Freunde, die Deine permanenten Anmerkungen zu schätzen wussten.

Nie wäre es uns dagegen eingefallen – und es wäre uns auch schwer gefallen -, Dich einer politischen Richtung zuzuordnen. Zu sehr hattest Du Kenntnis über die Pole und Gegenpole des menschlichen Zusammenlebens in Geschichte und Gegenwart, zu sehr warst Du der Analytiker, der uns anleitete, die Dinge aus allen Blickwinkeln zu sehen und begreifen zu lernen. Hast Du überhaupt bemerkt, wie wir an Deinen Lippen hingen?

Glückhafte Augenblicke: Die Herrenrunde

Es wäre also zu schade gewesen, Dich nur fallweise und zufällig zu treffen und deshalb war die vor 12 Jahren gegründete illustre Herrenrunde eine dem regelmäßigen Gespräch dienende Chance. Sie war am Anfang meinem beruflichen Debakel geschuldet und eine heilende therapeutische Maßnahme. Du aber warst der eigentliche Mittelpunkt der wöchentlichen Sprechstunde – wie wir sie nannten – in Abgrenzung zum verbrauchten Stammtisch-Begriff.

Welch erlesene Köstlichkeiten boten diese Stunden der leidenschaftlichen Aussprache zu Kultur- und Tagespolitik,  zu Religionsfragen, sportlichen Ereignissen gespickt mit den allerneuesten Witzen, die allzu gerne  – wegen unseres fortgeschrittenen Alters  –  auch einen Anflug von Erotik haben durften.

Nein, es war nie geplätscherte Oberflächlichkeit im Spiel. Du warst in Deinem strahlenden Element und wir fühlten uns als Deine angereicherten Teilchen. Und deshalb soll an dieser Stelle gerne von großer Dankbarkeit die Rede sein. Du warst für uns der große Denker, der große Humanist, ein überaus begabter großer Erzähler und zugleich ein guter Zuhörer. Du warst ein großer leidenschaftlicher Weltverbesserer und zugleich ein kleiner Mann.

Nein, wir haben Deine Kleinheit nie als Mangel empfunden und wenn wir Dich Hühnerzwerg genannt haben, dann nicht spöttisch sondern eher wissend, wie sehr Du für jedes Sprachspiel empfänglich bist. Lass Dir gesagt sein: Wir haben Dich immer als großen Menschen erlebt und geliebt. Und sage jetzt nicht: Es genügt schon – wie Du es in Deiner Bescheidenheit stets getan hast, um ja nicht in die Hauptrolle gedrängt zu werden, die Du dennoch inne hattest.

Unsere tiefe Verehrung gebührt Dir auch deshalb, weil Du mit Deinem Vorsprung an Wissen und Lebensweisheit nie aufgetrumpft hast. Nein, Du hast Dein Wissen stets bekömmlich in kleinen Portionen unter uns ausgeteilt, gut und leicht verdaulich, sodass die Partikel des Wissens gut aufgesogen und nachhaltig verankert waren.

Verträgst Du noch mehr Lob? Du hast die Unwissenden mögen, Du hast die Laien und Unbedarften geschätzt und an ihnen gerne das Lebenspraktische entdeckt und bewundert, welches Dir eine Bürde war. Und Du warst den Künstlern zugetan und noch mehr den Lebenskünstlern, als großer Bewunderer des Handelns aus der Notwendigkeit heraus. Der fundamentalen Kraft von Intuition und Imagination hat bei Dir stets alle Aufmerksamkeit gegolten. Dort nämlich, wo Verlust, Wiederentdecken und Erfinden sich ein Stelldichein geben. Deine ungebremste Zuwendung war also Teil Deiner Forschungsreise durchs ganze Leben und Deine Zuneigung war nie eine von oben herab.

Wir alle haben Dich erlebt als einen interessierten Kulturförderer und Konzertbesucher, vielfältig in der Auswahl von der Klassik bis zum Kabarett, Oper und Operette, Theater und Laienspiel, Literatur und Brauchtum, von der Volksmusik bis zum Jazz. Und Du hast Dich später mit Deinem speziellen Wissen ehrenamtlich im Volksliedarchiv, in der Bibliothek der Steirischen Handelskammer und auch im Jazzinstitut der Kunstuniversität Graz eingebracht. Du hast also Spuren hinterlassen.

Der Stadtmensch und das Landleben

In der Stadt warst Du geboren und am Lande fandest Du Erbauung und Glück. Dein und Euer Refugium am Hühnerberg hast Du geliebt und ebenso gerne hast Du den Weg in die südsteirischen Weinberge genommen – und ins Ausseerland. Die gerade im Saft stehenden Narzissen dürfen daher heute nicht fehlen. Sie sind der letzte Gruß aus jenem Teil der Steiermark, dem Du so zugetan warst.

Ich spreche von der einzigartigen Landschaft und der Unangepasstheit dieses Menschenschlags, von dem selbsterwählten Anderssein und dem sich selber auf die Schaufel nehmen können. Das Verweilen inmitten überzeugter  Sonderausgaben war für Dich stimmig, denn Du meintest: Wir sind auf Erden – jeder für sich schon ein Sonderling. Und Du hattest größten Respekt vor der Respektlosigkeit der Ausseer, die gerne den Politikern auf der Nase herumtanzen.

Und dennoch warst Du nie einer, der sich gleich verbrüdert hat, um einer von ihnen zu sein. Nein, Deiner Nähe zu Land und Leuten war eine Nuance respektvolle Distanziertheit unterlegt, die ja bekanntlich konträr zu jeder Anbiederung steht. Und Dein Ausseerland war auch jenes, das Dich in den Sog des Ländlerischen im langsamen ¾ Takt gezogen hat. Und weil wir schon bei der Musik sind: Eine ähnlich tiefe Liebe hast Du beim Klang der eigentümlichen Jodler empfunden, deren spannungsgeladenes Herantasten an die Vollkommenheit Dich immer wieder beglückt hat. 

Die innige Beziehung zu Büchern

Zuguterletzt komm ich auf Deine Bücher zu sprechen, ja ich sage Deine Bücher, denn ich habe bislang niemanden kennen gelernt – dem Gedruckten zugetan – wie Du es stets zelebriert hast. Uns allen bleibt das Bild in Erinnerung: Der Heimo rechts und links beladen mit Sackerln voll mit Zeitschriften und Büchern. Du warst unser und vieler anderer Freunde Zuträger von Informationen, Vermittler von Fachbüchern, von Krimis, bis hin zu den Zeitungsausschnitten aus den Gemeinde- und Pfarrblättern der letzten Jahrzehnte. Ja, Du warst Zusteller, Buchhändler und Rezensent zugleich. Du warst unser ganz persönlicher Redakteur, lieber Freund.

Ja, Bücher waren Deine Leidenschaft und daher erlaube ich mir vom Präteritum ins Präsens zu wechseln, um in der Nacherzählich etwas von der Intimität spürbar zu machen, die zwischen Dir und Deinen Büchern geknistert hat:

Wie Du ein Buch in die Hand nimmst, nicht unachtsam und nie so nebenbei sondern mit dem Pathos des zärtlichen Liebhabers – das bleibt uns unvergessen. Wie Du das Werk mit der linken umschlingst und mit der rechten den Deckel aufschlägst, mit dem Zeige- und Mittelfinger das Vorsatzblatt und die Vakatseiten überblätterst um dann auf den Innentitel zu stoßen. Dein Auge und Sinn erfassen zugleich den Autor, den Haupttitel, den Untertitel, das Erscheinungsjahr, den Verlag. Dann verinnerlichst Du den kurzen Lebenslauf des Autors, überlässt  das Werk ganz der linken Hand und überfliegst den Text am Buchrücken. Zum Schluss verpasst Du dem Buch eine kleine  Buchrückenmassage und legst das Werk behände zur Seite.

Ja, es waren wohl tausende Bände, die durch Deine Hände gewandert sind und in Deinem Kopf Karteikarten hinterlassen haben, abrufbar für alle Zeit – die nun stehen geblieben ist. Das alles ist nun unwiderruflich gelöscht und lässt uns in Ratlosigkeit zurück.

Das Weltliche und das Göttliche

Und nun liegst Du vor uns, dem Leben entrissen, entseelt und für den Weg in die Vergänglichkeit bestimmt. Diese Endgültigkeit  wäre erdrückend für uns, wenn es nicht diese leise Spur Deiner Aura gäbe, die hier und jetzt zugegen ist und uns allen noch etwas Zeit gibt dafür, die innige Dankbarkeit auszudrücken, Dich ein Leben lang gehabt zu haben.

Zuguterletzt wende ich mich zum Himmlischen und Göttlichen: Wir werden – weil es vielen Anwesenden sicherlich ein Bedürfnis ist – Dir im Anschluss ein Vaterunser beten. Dies im guten Wissen, dass es Deine Toleranz zulässt und mit unserem Anspruch, dass Dich die guten Wünsche in die Ewigkeit begleiten mögen. Das Göttliche und das Weltliche, lieber Heimo, haben sich für diese Stunde zusammengetan um Dir gemeinsam zu huldigen. Denn Dein Bekenntnis als überzeugter Agnostiker paarte sich immer schon mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor all dem weltlich Schönen, dem Du zeitlebens Deine Beachtung geschenkt hast.

Deine ersten Worte – nach der ärztlichen Diagnose – waren ja die der Dankbarkeit, so lange gesund gelebt zu haben. Das warst Du – typisch Heimo, auch dem Unvermeidlichen rational ins Auge blickend. Und am Schluss hast Du dennoch gekämpft, wolltest „nicht dorthin, wo alle hinmüssen“ – so Deine Worte. Auch das spricht für Dich, lieber Heimo, denn wer die Welt als Wunder erfasst hat, sich selbst im Dasein so lustvoll geräkelt hat wie Du, der kann ja gar nicht locker von dannen ziehen.

Und so nehmen wir Abschied

Du kannst sicher sein – mein lieber Freund – dass wir Dich gerne in unsere Nacherzählungen zurückholen werden. Und in unseren Träumen sollst Du uns als vertrautes Buch erscheinen, welches wir alle die Gunst hatten, es gelesen zu haben.

Es ist eine Ausgabe in Hardcover mit edlem Einband und feiner Fadenbindung – ein Sonderdruck in limitierter Auflage – nämlich als Unikat herausgegeben. Kurz gesagt:

Lieber Freund, Du bleibst uns in unseren Träumen als Prachtband in Erinnerung.

Nachruf für Dr. Heimo Schönhofer, Zeremonium Kalsdorf, 5. Juni 2020; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.

Nachruf für Rudi Pietsch

Die Vergänglichkeit hat zwei Gesichter

Wenn von Vergänglichkeit die Rede ist, denken wir zu allererst an unser kurzes Gastspiel auf Erden. Es ist ein beklemmendes Gefühl, weil wir alle der Unwiederbringlichkeit zustreben müssen.

Ganz anders ist dies am Beispiel der Musik: Da hebt die Vergänglichkeit den Wert des Augenblicks. Die flüchtigste aller Künste – die Musik – generiert aus dem Bewusstsein des für immer Verklingens die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuhörers. Der verglühende Augenblick versetzt uns in höchste Spannung und hinterlässt eine Tonspur in uns, die dem Gedächtnis zugespielt wird. So bleibt sie als Erinnerung weiter präsent.

Und so gesehen ist diese Vergänglichkeit Lebensfaden, Elixier und Labsal zugleich. Sie lässt uns in einem Gefühl der Zeitlosigkeit schweben – es fühlt sich an, als ob die Welt stehen bliebe.

Das Spiel mit dem Zeitgefüge

Unser Rudi Pietsch war ein Meister des permanenten Streckens des Augenblicks, er spielte mit der Dehnbarkeit der schönen Stunden, zelebrierte das Dasein als ob es kein Wegsein gäbe. Kurzum: Er tanzte dem Zeitgefüge auf der Nase herum, er schlug der drohenden Vergänglichkeit ein Schnippchen. Ja, das Leben für den unmittelbaren Augenblick war seine Meisterschaft.

Und nun hat sich die menschliche Vergänglichkeit mit der schmerzlichen Unwiederbringlichkeit zusammen getan, hat uns den Rudi genommen, den Meister des Unerschöpflichen für den kein bisschen Zeitguthaben mehr vorhanden war um seinen Lebensfaden zu verlängern. Vielleicht auch deshalb, weil er davon unentwegt ausgeteilt hat.

Schön war die Jugendzeit

Unsere wahre Freundschaft – so wie sie im Lied auch besungen wird – entstand in unserem Falle aus dem Zugetan sein unserer Eltern, die in den 30er Jahren jugendbewegt, wandernd und singend einer Notzeit entfliehen konnten. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bildeten sich aus dem städtisch-industriellen Bereich eine Vielzahl Vereinigungen, die sich dem Naturerlebnis, dem Singen, Musizieren und der Poesie verschrieben. Es war eine Aufbruchsstimmung die auch die  Gründung vieler Jugendherbergen nach sich zog.

Eine Vielzahl romantischer und durchaus idealistischer Bewegungen strebte hinaus in die Natur, tafelte aus dem Rucksack, suchte nach Gemeinschaft und erkannte als verbindendes Element: Den Gesang und die Musik.

Rudi und ich, wir hatten größten Respekt und alle Hochachtung unseren Eltern gegenüber, denn sie wurden in eine instabile Zeit hineingeboren, sie hatten ja zweimal die Nachkriegszeit zu überstehen – und einen grauslichen Weltkrieg obendrauf. Aus den jungen Jahren haben sie sich aber ein Netzwerk aus Freundschaften, ihre musische Ader und vor allem Zuversicht herüber gerettet.

Die Familie Pietsch war in Wien beheimatet, der Vater war in Wien beruflich tätig, die Mutter stammte aus dem südlichen Burgenland. Meine Eltern flüchteten aus Graz ins steirische Ennstal. Das Ehepaar Pietsch hatte sechs Söhne, meine Eltern zwei Töchter und drei Söhne. Den Sommer verbrachten die Pietschs immer wieder im steirischen Gaishorn auf dem Seppbauernhof bei Tante Liesl.

Es war die Zeit, in der Schwarzbeeren eingekocht, Pilze eingelegt und Apfelmus verarbeitet wurde, um den winterlichen Speisezettel aufzubessern. Und so kam es zu ersten Begegnungen zwischen den beiden Familie im Ennstal. Da trafen sich elf Kinder  – und ich sage Euch: Das war eine ungestüme Rasselbande.

Die Eltern hatten uns in der Notzeit reich beschenkt

Nur im Rückblick war es eine Notzeit – Rudi und ich waren uns zuletzt einig: Wir erlebten reichlich Zuneigung unserer Eltern, durch Erziehung zum Guten und  Schönen, durch das Beispiel der Rechtschaffenheit und auch des immer wieder Improvisierens. Im Rückblick ist es erstaunlich, wie Pullover und Schuhe durch beide Familien abgetragen wurden und dass es in dieser schwierigen Zeit an allen Ecken und Enden fehlte, – nicht aber an Musikinstrumenten.

Es waren Erbstücke darunter, manche Instrumente wurde ausgeliehen, andere wieder günstig am Flohmarkt erstanden. Die Eltern setzten alles dran, uns eine bessere Welt zu bieten als es jene war, die sie gerade überlebt hatten. Das Geld für den Musikunterricht sparen sie sich regelrecht vom Mund ab.

Rudi und ich, wir beide sind also in eine kunstsinnige Familie hineingeboren worden, die sich aus der klassischen Musik Mut und Kraft generierte. Die zum neuen Österreich standen und das Land mit aufzubauen verstanden.

Wir Kinder waren einer musikalischen Früherziehung ausgesetzt, als dieser Begriff noch nicht geboren war. Unsere Mütter sangen mit uns „Die Gedanken sind frei“ und „Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein“, „d‘ Sau hat an schweinern Kopf und vier Haxn a“; “Der Nebel steigt im Fichtenwald und rücket vor den Himmel“; „Der Mond ist aufgegangen, die gold‘nen Sternlein prangen“…

In die Welt will ich reiten…

Und so entstanden in uns Bilder von verwegenen Zeiten und die Lust, die Welt zu erobern. Schon von der Anreise aus Wien wusste Rudi, dass ein Geigenkoffer zum Autostoppen gehörte. Einen armen Musiker nahm man halt gerne mit und so wurden die Geigenköfferchen zu unserer Grundausstattung. Das Innenleben beherbergte allerdings kein Instrument, dafür aber Utensilien wie die Regenhaut, das Taschenmesser, die Taschenlampe und die Jause. Ein Stück Kreide war ebenso dabei: Wir schrieben unser Reiseziel auf die schwarzen Geigenkoffer und harrten der Dinge.

Einmal, wir wollten nach Grundlsee, standen wir schon geraume Zeit erfolglos am Straßenrand. Rudi meinte salopp, wir sollten die Strategie ändern. Er schrieb auf die beiden Geigenkoffer: Johann Strauß /Sohn und schon stand ein Fahrzeug bereit.

Der Fahren kurbelte das Fenster herunter und rief: „Steigts ein Buama, den Papa kenn i eh guat“.

Das Schlüsselerlebnis für den späteren Volksmusikforscher

In Grundlsee angekommen, saßen wir im Gasthaus Schraml auf einer langen Bank und hörten den Klängen der Musikgruppe des Kapellmeister Loitzl, dem an der linken Hand nicht nur ein sondern eineinhalb Finger fehlten. Er spielte die Landler und Steirer mit einer beachtlichen Geschmeidigkeit und Vehemenz. Sein Posaunist übernahm so manche Melodie, fügte sich dann wieder in eine Unterstimme, der Rump‘lspieler knöpfelte behänd und trat mit dem linken Fuß den Takt, der Bassgeiger gab dem Gefüge den nach vorne strebenden Puls. Schrumm, schrumm…

Am Tanzboden beobachteten wir ausholend-gewagte Bewegungen und anmutige Verwicklungen. Wir waren bass erstaunt über die machtvolle Kraft der Musik, die die Tanzpaare gleich einem Sog packte, sie stampfen und juchizen ließ. Dieses Bild ging uns forthin nicht mehr aus dem Sinn und es war – so meine ich – für uns beider Leben prägend.

Einem Konzert im Wiener Konzerthaus mit der Tiroler Engelfamilie ist seinem Interesse an der Schwegelpfeife zuzuschreiben. Das hat mir sein Bruder Hermann mitgeteilt. Die Brüder nahmen an einer Pfeiferwoche auf der oberösterreichischen Wurzeralm teil und bald spielten sie als Wiener Stadtpfeifer auf.

Schon ein Jahr später gründete Rudi mit seinen Brüdern und mit Hans Hitthaler aus Pfalzen die Südtiroler Schwegelwoche, die dann über 15 Jahre Bestand hatte. Es ist schon erstaunlich: Damals war er gerade 17 Jahre alt und es war typisch für den Rudi, das gerade Erlernte anderen weiter geben zu wollen. Rudi hat also lange vor seinem Musikstudium, lange vor seiner pädagogischen Ausbildung bei seinem Weg als Vermittler einen fulminanten Start hingelegt.

Dann kam Rudi zur Militärmusik Steiermark und damit vervielfachten sich unsere musikalischen Unternehmungen. Die Teilnahme an den alljährlichen Reisen des Sing- und Tanzkreises der Alpenvereinsjugend Graz – mit dessen Leiter Fritz Frank – waren eine beinahe kostenfreie Möglichkeit, die Welt zu sehen. Wir waren gerne mit dabei!

Wir bereisten die Nachbarstaaten im Osten, waren als Musikanten mehrmals in Russland, in Aserbaidschan, in den baltischen Staaten, Skandinavien, England, Frankreich, Spanien, Italien bis hinunter nach Persien. Und: Wir brachten aus all diesen Ländern Erinnerungen – nämlich Melodien – mit nach Hause.

Die Ernsthaftigkeit und ungebremste Leidenschaft

Ja, ich habe gerne die Aufgabe übernommen, hier und heute über Rudis Kinder- und Jugendzeit und auch über unsere lebenslange Freundschaft zu reden.

Bemerkenswert war dabei seine ungebremste Leidenschaft mit jemand ins Gespräch zu kommen, seine schon früh erwachte Ernsthaftigkeit in allen Belangen gepaart mit der Unbedarftheit der Jugend. In unsrer gemeinsamen Zeit als Steirische Tanzgeiger reihten sich Episoden an Episoden, stets am Siedepunkt von Emotion, Ausgelassenheit nebst musikalischen Überraschungen. Diese beinahe konträren Ansätze haben später bei all seinen beruflichen Ambitionen eine große Rolle gespielt.

Ein Bild für Götter: Rudi im Himmelsorchester

Und nun ist er aufgestiegen in den Himmel. Nein, über Glaubensfragen haben wir beide nie gesprochen. Für ihn, der so vielen Menschen schon auf Erden den Himmel beschert hat, wäre es ja geradezu ein Umweg gewesen, das Göttliche zu zerreden. Er war ja selbst ein Prophet, ein permanenter Musik- und Weltverbesserer, der es verstanden hat, jede Begegnung, jede Tonfolge, ja selbst die Generalpause zu veredeln.

Sein weltliches Wirken, so scheint es mir, war eine einzige Generalprobe für seine Himmelfahrt. Und deshalb sei es mir gestattet, ein Bild zu entwerfen, eines, das dem Trost gereicht und die Glaubenden, die Zweifelnden und Hoffenden unter uns vereinen möge.

Unser Rudi ist aufgestiegen in den Himmel, er sitze zur Rechten des Lois Blamberger, zu seiner Linken seine Mentorin Gerlinde Haid, dahinter reihen sich der Ferdl Zwanzger aus Stiwoll, der Rudolf Fischl aus Dorfstetten und alle seine Gewährsleute, auch jene burgenländischen Auswanderer in den U.S.A. Seine Franzi an der Bratsche ist unverzichtbar im Ensemble, ihr Nachschlag ist inzwischen auch im göttlichen Orchester legendär geworden.

Im Himmelschor frohlocken – so nennt man dort das Jodeln – gemeinsam längst Verblichene, die Steiner Gretl, der Heli Gebauer aus der Ramsau, der Franz Zöhrer aus Laufnitzdorf, der Wastl Fanderl aus Bayern, unser Kollege aus Zagreb Jerko Bezic, Ludvik Kunz aus Brünn, der liebenswerte Harald Dreo aus Eisenstadt, der Ossi Kramer mit der Mundharmonika, der umtriebige Tonband Karl, der Hans Moser und seine Trachtenmalerin Erna Piffl-Moser, der Mariazeller Lebzelter Hias Pirker, die von ihm so geschätzte Wirtin Josefine Mnozil nebst SKH Herzog Albrecht von Bayern, der in unseren Melodien aus der Schmalnauer-Handschrift regelrecht versinken konnte.

Ich weiß, die Liste ist unvollständig, wenn wir bedenken, wie sehr der Rudi den Straßenmusikanten, den Hausmeistern, Zeitungsverkäufern, Kellnerinnen, Orchesterwarten und Putzfrauen Wertschätzung entgegen gebracht hat. All die Verblichenen mögen ihm da oben helfend zur Seite sein. Rudi bekommt vieles zurück, weil er einer war, der sich gerne auf gleicher Ebene gesehen hat, dessen Herz auch für die Alltäglichkeiten schlug. Er hat mit seiner liebenswerten Zuwendung einen Teppich geknüpft, auf dem die unterschiedlichsten Seelen miteinander tanzen konnten.

Er hat den Bogen aus der Hand gelegt

Ja, der Rudi Pietsch ist aufgenommen ins Himmelsorchester. Und dort bei den Cellis sehe ich auch den Nikolaus Harnoncourt, dessen Vermächtnis zum Stellenwert der Musik, zur Musikalität, zur Musikförderung und kulturellen Wert der Musik schlechthin mit den Prinzipien des Rudi Pietsch eine frappierende Einheit bildet.

In einem unserer letzten Gespräche habe ich den Rudi gebeten, mir einen Platz bei den Pauken zu reservieren. Rudi räusperte sich und meinte: „Mach ma Hermann, Du ganz hinten und ich ganz vorne, da können wir ordentlich aufmischen“.

Dass er nicht mehr unter uns ist, das darf uns zu Recht erschüttern. Euer aller Freundschaft aber, Euer Respekt und die heute geballte Zuneigung sind ein Kraftfeld, auf dem sich der Schmerz gemeinsam ertragen lässt.

Letztendlich möge uns das Bild vom Rudi im Himmel eine Hilfe sein und uns dazu verleiten, an seine ansteckende Heiterkeit anzuknüpfen. Seid getrost: Er hat den Bogen nur hier auf Erden aus der Hand gelegt und das sollte uns ein Lächeln auf die Lippen zaubern…

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Nachruf anlässlich der Gedenkmesse für Rudi Pietsch (1951-2020) am 29.2.2020 in der Basilika des Stiftes Göttweig in Niederösterreich. Der größere Teil dieses Textes fiel der Kürzung zum Opfer. Der Autor wird die fehlenden Teile nach und nach hinzufügen. Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.

Unschöne Aussichten auf Weihnachten 2050

Der Advent 2050 ist kein bisschen beschaulich und nur mehr eine Ansammlung von öden Ersatzhandlungen. Inmitten glitzernder Dekoration wird der übliche Klangteppich ausgerollt. Die inzwischen gebachelorten Musikanten nehmen sich an der Krawatte und stellen den Hebel auf Adventstad. Die alten Weisen werden entkernt und die Weihnachtslieder sterilisiert gehaucht, der Puls wird auf Besinnlichkeit herab gewürgt. Zurück bleiben schmachtende Töne, die den Weihnachtsfeier-Geplagten an die Herzklappen gehen und den Vanillekipferl-Zugriff rhythmisch steigert. Die stillste Zeit ist endlich – ohne Kassenklingeln – hereingebrochen, das Bargeld ist schon lange Geschichte.

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Meine köstlichste Musikgeschichte

Die schönsten Geschichten schreibt ja das Leben selbst und mit der Nacherzählung werden sie zu köstlichen Erinnerungen. Weiterlesen