Nachruf für Rudi Pietsch

Die Vergänglichkeit hat zwei Gesichter

Wenn von Vergänglichkeit die Rede ist, denken wir zu allererst an unser kurzes Gastspiel auf Erden. Es ist ein beklemmendes Gefühl, weil wir alle der Unwiederbringlichkeit zustreben müssen.

Ganz anders ist dies am Beispiel der Musik: Da hebt die Vergänglichkeit den Wert des Augenblicks. Die flüchtigste aller Künste – die Musik – generiert aus dem Bewusstsein des für immer Verklingens die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuhörers. Der verglühende Augenblick versetzt uns in höchste Spannung und hinterlässt eine Tonspur in uns, die dem Gedächtnis zugespielt wird. So bleibt sie als Erinnerung weiter präsent.

Und so gesehen ist diese Vergänglichkeit Lebensfaden, Elixier und Labsal zugleich. Sie lässt uns in einem Gefühl der Zeitlosigkeit schweben – es fühlt sich an, als ob die Welt stehen bliebe.

Das Spiel mit dem Zeitgefüge

Unser Rudi Pietsch war ein Meister des permanenten Streckens des Augenblicks, er spielte mit der Dehnbarkeit der schönen Stunden, zelebrierte das Dasein als ob es kein Wegsein gäbe. Kurzum: Er tanzte dem Zeitgefüge auf der Nase herum, er schlug der drohenden Vergänglichkeit ein Schnippchen. Ja, das Leben für den unmittelbaren Augenblick war seine Meisterschaft.

Und nun hat sich die menschliche Vergänglichkeit mit der schmerzlichen Unwiederbringlichkeit zusammen getan, hat uns den Rudi genommen, den Meister des Unerschöpflichen für den kein bisschen Zeitguthaben mehr vorhanden war um seinen Lebensfaden zu verlängern. Vielleicht auch deshalb, weil er davon unentwegt ausgeteilt hat.

Schön war die Jugendzeit

Unsere wahre Freundschaft – so wie sie im Lied auch besungen wird – entstand in unserem Falle aus dem Zugetan sein unserer Eltern, die in den 30er Jahren jugendbewegt, wandernd und singend einer Notzeit entfliehen konnten. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bildeten sich aus dem städtisch-industriellen Bereich eine Vielzahl Vereinigungen, die sich dem Naturerlebnis, dem Singen, Musizieren und der Poesie verschrieben. Es war eine Aufbruchsstimmung die auch die  Gründung vieler Jugendherbergen nach sich zog.

Eine Vielzahl romantischer und durchaus idealistischer Bewegungen strebte hinaus in die Natur, tafelte aus dem Rucksack, suchte nach Gemeinschaft und erkannte als verbindendes Element: Den Gesang und die Musik.

Rudi und ich, wir hatten größten Respekt und alle Hochachtung unseren Eltern gegenüber, denn sie wurden in eine instabile Zeit hineingeboren, sie hatten ja zweimal die Nachkriegszeit zu überstehen – und einen grauslichen Weltkrieg obendrauf. Aus den jungen Jahren haben sie sich aber ein Netzwerk aus Freundschaften, ihre musische Ader und vor allem Zuversicht herüber gerettet.

Die Familie Pietsch war in Wien beheimatet, der Vater war in Wien beruflich tätig, die Mutter stammte aus dem südlichen Burgenland. Meine Eltern flüchteten aus Graz ins steirische Ennstal. Das Ehepaar Pietsch hatte sechs Söhne, meine Eltern zwei Töchter und drei Söhne. Den Sommer verbrachten die Pietschs immer wieder im steirischen Gaishorn auf dem Seppbauernhof bei Tante Liesl.

Es war die Zeit, in der Schwarzbeeren eingekocht, Pilze eingelegt und Apfelmus verarbeitet wurde, um den winterlichen Speisezettel aufzubessern. Und so kam es zu ersten Begegnungen zwischen den beiden Familie im Ennstal. Da trafen sich elf Kinder  – und ich sage Euch: Das war eine ungestüme Rasselbande.

Die Eltern hatten uns in der Notzeit reich beschenkt

Nur im Rückblick war es eine Notzeit – Rudi und ich waren uns zuletzt einig: Wir erlebten reichlich Zuneigung unserer Eltern, durch Erziehung zum Guten und  Schönen, durch das Beispiel der Rechtschaffenheit und auch des immer wieder Improvisierens. Im Rückblick ist es erstaunlich, wie Pullover und Schuhe durch beide Familien abgetragen wurden und dass es in dieser schwierigen Zeit an allen Ecken und Enden fehlte, – nicht aber an Musikinstrumenten.

Es waren Erbstücke darunter, manche Instrumente wurde ausgeliehen, andere wieder günstig am Flohmarkt erstanden. Die Eltern setzten alles dran, uns eine bessere Welt zu bieten als es jene war, die sie gerade überlebt hatten. Das Geld für den Musikunterricht sparen sie sich regelrecht vom Mund ab.

Rudi und ich, wir beide sind also in eine kunstsinnige Familie hineingeboren worden, die sich aus der klassischen Musik Mut und Kraft generierte. Die zum neuen Österreich standen und das Land mit aufzubauen verstanden.

Wir Kinder waren einer musikalischen Früherziehung ausgesetzt, als dieser Begriff noch nicht geboren war. Unsere Mütter sangen mit uns „Die Gedanken sind frei“ und „Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein“, „d‘ Sau hat an schweinern Kopf und vier Haxn a“; “Der Nebel steigt im Fichtenwald und rücket vor den Himmel“; „Der Mond ist aufgegangen, die gold‘nen Sternlein prangen“…

In die Welt will ich reiten…

Und so entstanden in uns Bilder von verwegenen Zeiten und die Lust, die Welt zu erobern. Schon von der Anreise aus Wien wusste Rudi, dass ein Geigenkoffer zum Autostoppen gehörte. Einen armen Musiker nahm man halt gerne mit und so wurden die Geigenköfferchen zu unserer Grundausstattung. Das Innenleben beherbergte allerdings kein Instrument, dafür aber Utensilien wie die Regenhaut, das Taschenmesser, die Taschenlampe und die Jause. Ein Stück Kreide war ebenso dabei: Wir schrieben unser Reiseziel auf die schwarzen Geigenkoffer und harrten der Dinge.

Einmal, wir wollten nach Grundlsee, standen wir schon geraume Zeit erfolglos am Straßenrand. Rudi meinte salopp, wir sollten die Strategie ändern. Er schrieb auf die beiden Geigenkoffer: Johann Strauß /Sohn und schon stand ein Fahrzeug bereit.

Der Fahren kurbelte das Fenster herunter und rief: „Steigts ein Buama, den Papa kenn i eh guat“.

Das Schlüsselerlebnis für den späteren Volksmusikforscher

In Grundlsee angekommen, saßen wir im Gasthaus Schraml auf einer langen Bank und hörten den Klängen der Musikgruppe des Kapellmeister Loitzl, dem an der linken Hand nicht nur ein sondern eineinhalb Finger fehlten. Er spielte die Landler und Steirer mit einer beachtlichen Geschmeidigkeit und Vehemenz. Sein Posaunist übernahm so manche Melodie, fügte sich dann wieder in eine Unterstimme, der Rump‘lspieler knöpfelte behänd und trat mit dem linken Fuß den Takt, der Bassgeiger gab dem Gefüge den nach vorne strebenden Puls. Schrumm, schrumm…

Am Tanzboden beobachteten wir ausholend-gewagte Bewegungen und anmutige Verwicklungen. Wir waren bass erstaunt über die machtvolle Kraft der Musik, die die Tanzpaare gleich einem Sog packte, sie stampfen und juchizen ließ. Dieses Bild ging uns forthin nicht mehr aus dem Sinn und es war – so meine ich – für uns beider Leben prägend.

Einem Konzert im Wiener Konzerthaus mit der Tiroler Engelfamilie ist seinem Interesse an der Schwegelpfeife zuzuschreiben. Das hat mir sein Bruder Hermann mitgeteilt. Die Brüder nahmen an einer Pfeiferwoche auf der oberösterreichischen Wurzeralm teil und bald spielten sie als Wiener Stadtpfeifer auf.

Schon ein Jahr später gründete Rudi mit seinen Brüdern und mit Hans Hitthaler aus Pfalzen die Südtiroler Schwegelwoche, die dann über 15 Jahre Bestand hatte. Es ist schon erstaunlich: Damals war er gerade 17 Jahre alt und es war typisch für den Rudi, das gerade Erlernte anderen weiter geben zu wollen. Rudi hat also lange vor seinem Musikstudium, lange vor seiner pädagogischen Ausbildung bei seinem Weg als Vermittler einen fulminanten Start hingelegt.

Dann kam Rudi zur Militärmusik Steiermark und damit vervielfachten sich unsere musikalischen Unternehmungen. Die Teilnahme an den alljährlichen Reisen des Sing- und Tanzkreises der Alpenvereinsjugend Graz – mit dessen Leiter Fritz Frank – waren eine beinahe kostenfreie Möglichkeit, die Welt zu sehen. Wir waren gerne mit dabei!

Wir bereisten die Nachbarstaaten im Osten, waren als Musikanten mehrmals in Russland, in Aserbaidschan, in den baltischen Staaten, Skandinavien, England, Frankreich, Spanien, Italien bis hinunter nach Persien. Und: Wir brachten aus all diesen Ländern Erinnerungen – nämlich Melodien – mit nach Hause.

Die Ernsthaftigkeit und ungebremste Leidenschaft

Ja, ich habe gerne die Aufgabe übernommen, hier und heute über Rudis Kinder- und Jugendzeit und auch über unsere lebenslange Freundschaft zu reden.

Bemerkenswert war dabei seine ungebremste Leidenschaft mit jemand ins Gespräch zu kommen, seine schon früh erwachte Ernsthaftigkeit in allen Belangen gepaart mit der Unbedarftheit der Jugend. In unsrer gemeinsamen Zeit als Steirische Tanzgeiger reihten sich Episoden an Episoden, stets am Siedepunkt von Emotion, Ausgelassenheit nebst musikalischen Überraschungen. Diese beinahe konträren Ansätze haben später bei all seinen beruflichen Ambitionen eine große Rolle gespielt.

Ein Bild für Götter: Rudi im Himmelsorchester

Und nun ist er aufgestiegen in den Himmel. Nein, über Glaubensfragen haben wir beide nie gesprochen. Für ihn, der so vielen Menschen schon auf Erden den Himmel beschert hat, wäre es ja geradezu ein Umweg gewesen, das Göttliche zu zerreden. Er war ja selbst ein Prophet, ein permanenter Musik- und Weltverbesserer, der es verstanden hat, jede Begegnung, jede Tonfolge, ja selbst die Generalpause zu veredeln.

Sein weltliches Wirken, so scheint es mir, war eine einzige Generalprobe für seine Himmelfahrt. Und deshalb sei es mir gestattet, ein Bild zu entwerfen, eines, das dem Trost gereicht und die Glaubenden, die Zweifelnden und Hoffenden unter uns vereinen möge.

Unser Rudi ist aufgestiegen in den Himmel, er sitze zur Rechten des Lois Blamberger, zu seiner Linken seine Mentorin Gerlinde Haid, dahinter reihen sich der Ferdl Zwanzger aus Stiwoll, der Rudolf Fischl aus Dorfstetten und alle seine Gewährsleute, auch jene burgenländischen Auswanderer in den U.S.A. Seine Franzi an der Bratsche ist unverzichtbar im Ensemble, ihr Nachschlag ist inzwischen auch im göttlichen Orchester legendär geworden.

Im Himmelschor frohlocken – so nennt man dort das Jodeln – gemeinsam längst Verblichene, die Steiner Gretl, der Heli Gebauer aus der Ramsau, der Franz Zöhrer aus Laufnitzdorf, der Wastl Fanderl aus Bayern, unser Kollege aus Zagreb Jerko Bezic, Ludvik Kunz aus Brünn, der liebenswerte Harald Dreo aus Eisenstadt, der Ossi Kramer mit der Mundharmonika, der umtriebige Tonband Karl, der Hans Moser und seine Trachtenmalerin Erna Piffl-Moser, der Mariazeller Lebzelter Hias Pirker, die von ihm so geschätzte Wirtin Josefine Mnozil nebst SKH Herzog Albrecht von Bayern, der in unseren Melodien aus der Schmalnauer-Handschrift regelrecht versinken konnte.

Ich weiß, die Liste ist unvollständig, wenn wir bedenken, wie sehr der Rudi den Straßenmusikanten, den Hausmeistern, Zeitungsverkäufern, Kellnerinnen, Orchesterwarten und Putzfrauen Wertschätzung entgegen gebracht hat. All die Verblichenen mögen ihm da oben helfend zur Seite sein. Rudi bekommt vieles zurück, weil er einer war, der sich gerne auf gleicher Ebene gesehen hat, dessen Herz auch für die Alltäglichkeiten schlug. Er hat mit seiner liebenswerten Zuwendung einen Teppich geknüpft, auf dem die unterschiedlichsten Seelen miteinander tanzen konnten.

Er hat den Bogen aus der Hand gelegt

Ja, der Rudi Pietsch ist aufgenommen ins Himmelsorchester. Und dort bei den Cellis sehe ich auch den Nikolaus Harnoncourt, dessen Vermächtnis zum Stellenwert der Musik, zur Musikalität, zur Musikförderung und kulturellen Wert der Musik schlechthin mit den Prinzipien des Rudi Pietsch eine frappierende Einheit bildet.

In einem unserer letzten Gespräche habe ich den Rudi gebeten, mir einen Platz bei den Pauken zu reservieren. Rudi räusperte sich und meinte: „Mach ma Hermann, Du ganz hinten und ich ganz vorne, da können wir ordentlich aufmischen“.

Dass er nicht mehr unter uns ist, das darf uns zu Recht erschüttern. Euer aller Freundschaft aber, Euer Respekt und die heute geballte Zuneigung sind ein Kraftfeld, auf dem sich der Schmerz gemeinsam ertragen lässt.

Letztendlich möge uns das Bild vom Rudi im Himmel eine Hilfe sein und uns dazu verleiten, an seine ansteckende Heiterkeit anzuknüpfen. Seid getrost: Er hat den Bogen nur hier auf Erden aus der Hand gelegt und das sollte uns ein Lächeln auf die Lippen zaubern…

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Nachruf anlässlich der Gedenkmesse für Rudi Pietsch (1951-2020) am 29.2.2020 in der Basilika des Stiftes Göttweig in Niederösterreich. Der größere Teil dieses Textes fiel der Kürzung zum Opfer. Der Autor wird die fehlenden Teile nach und nach hinzufügen. Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.

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