Abschied von Mag.rer.nat Herbert Krienzer

Liebe Nicola! Verehrte Familie Krienzer und liebe Freundinnen und Freunde des Verstorbenen!

Selten sind sich Bürde und Ehre so nahe wie in diesem Augenblick, wenn es gilt, einem lieben Freund letzte Worte nachzurufen. Ja, nicht nur mir wird in diesem Moment auch bewusst, was ich dem Herbert alles schon früher sagen hätte sollen.

Und so sind die folgenden Worte eigentlich längst fällig, mehr noch: Sie sind Trostspender in der Not, ein letztes Hereinholen des Verblichenen in unser aller Mitte. Und dabei bleibt beinahe die Zeit stehen, während sich der Verstorbene  anschickt, ein Teil der Erinnerung seiner Lieben zu werden.

Dieses Aussetzen des Zeitgefüges gemahnt uns alle, der Vergänglichkeit nicht zu trotzen, ihr eher etwas Positives abzugewinnen, sie mit Demut hinzunehmen – wie es uns die Natur so deutlich im Jahreslauf lehrt.

Herberts Lebenslauf zeigt Vielfalt

Herbert Krienzer wird den Eltern Edeltraud und Herbert am 1. Jänner 1967 als zweites von fünf Kindern geboren. Das Neujahrskind wächst im weststeirischen Södingberg auf und verbringt seine glückhafte Kindheit im bäuerlichen Umfeld am Lande. Die Volksschule besucht er in Stiwoll und die Musikhauptschule (es war der erste Jahrgang dieser Ausrichtung) in Gratwein. Dann folgen die Jahre im BORG Hasnerplatz in Graz – mit musischem Schwerpunkt.

Sein beruflicher Weg zum Hauptschullehrer führt ihn über die PÄDAK der Diözese Graz Eggenberg zum Botanik-Studium an der Karl Franzens-Universität zu Graz, welches er mit dem Magisterium abschließt. Und hier vereinen sich zwei wesentliche Stränge, die für Herbert ein Leben lang Bedeutung haben sollten: Die Neigung zum Musischen und die Liebe zur Natur. Beide bilden für ihn ein eigenes Universum, dem er sich verpflichtet fühlt. Ihm sind forthin Naturschutzanliegen ebenso wichtig wie der Schutz des Menschen – vor allem vor sich selbst. Herbert sucht also den Gleichklang zwischen Natur und Menschsein und wird zum Propheten, er ist einer, der als gutes Beispiel vorangeht.  

Ab dem zehnten Lebensjahr lernt er Geige in der Musikhauptschule Gratwein, später am J.J. Fux Konservatorium der Stadt Graz. Herbert schließt sich dem Volkstanzkreis St. Bartholomä und dem Sing- Volkstanzkreis Übelbachtal an und sammelt erste Erfahrungen als Tanz- und Chorleiter und bei zahlreichen Reisen ins Ausland. Er ist zudem vielfältig engagiert im Kirchenchor und in der Ortsmusik Stiwoll, zusätzlich im Jugendchor Rein. Seine Verlässlichkeit, seine Kompetenz in musikalischen Fragen und sein fröhliches Wesen werden in diesen Gemeinschaften außerordentlich geschätzt.

Und: Herbert Krienzer steht mit den Liebochtaler Tanzgeigern in der Tradition des weststeirischen Musikantentums, als verjüngte Ausgabe der Kapelle Zwanzger sozusagen, die sie verehren und der sie gerne nacheifern. Als Gründungsmitglied gehört er ab dem Jahre 1984 zu den prägenden Gestalten dieser Gruppe, die bei  ungezählten Hochzeiten, Bällen und Tanzfesten ihre dienende Rolle für tanzlustige und gesellige Menschen zu erfüllen weiß. Ich verfolgte damals – als Citoller Tanzgeiger –  mit Freude und Interesse diese Neuauflage weststeirischer Musikantentradition, wie sie in alten Forschungsunterlagen dokumentiert und bis heute nacherzählt wird. Die Liebochtaler Tanzgeiger verschreiben sich mit großer Leidenschaft der Tanzmusik auf Streich und Blas, ohne Behübschung durch Elemente anderer Musikgenres, ohne aufgesetzte Virtuosität und ohne Anleihen aus dem Showgeschäft. Natur pur also und äußerst erfolgreich.

Herbert ist nur kurz in seinem erlernten Beruf als Hauptschullehrer tätig, fühlt sich aber zunehmend hingezogen zu neuen Initiativen und so ist es nicht verwunderlich, dass er ab dem Jahre 1988 im Steirischen Volksliedwerk tätig wird – zuerst als freier Mitarbeiter, später als Angestellter, zuletzt wieder als freier Mitarbeiter.

Und hier passt der Begriff Freigeist in sein Lebensbild

Er ist kein Jasager, kein gehorsamer Durchführer, sondern immer einer, der das vorgelegte Konzept aus allen Blickwinkeln betrachtet, selber Vorschläge macht und zur Reife bringt. Seine Selbstständigkeit und Gestaltungskraft stehen der Loyalität zu mir – als dem damaligen Geschäftsführer – nie im Wege. Er tut dem Gesamtkonzept gut, denn er ist jener Mitarbeiter, der darauf pocht, dass der Sache zu dienen ist, nicht der Eitelkeit und nicht der Politik.

Das ist der Herbert gewesen mit seiner grundehrlichen Haltung und seinem hohen Anspruch. Beides sind Eigenschaften, die er nicht dem Studium und seinem Magistertitel schuldet sondern seiner Herzensbildung, für die es ohnehin keine Universität gibt. Seinem Elternhaus ist er daher immer dankbar gewesen für diesen charakterlichen Feinschliff. Wir wissen ja: Allzu oft verheddert sich diese Herzensbildung auf dem Wege über die steile Karriereleiter.

Zurück zu seiner Arbeit im Volksliedwerk: Was sich in diesen Jahren des Aufbruchs, des erstmaligen Öffnens des Archives samt seinen vielen neuen Initiativen,  getan hat, das hat den Herbert Gott sei Dank angelockt und zu uns gebracht. Er übernimmt die Betreuung der Musikantenstammtische, der Musikantenfreundlichen Gaststätten, er ist vielseitiger Referent vor allem für Jodelkurse und für Kinderprogramme, er ist auch ein ausgezeichneter Handwerker und arbeitet mit dem engagierten Ratschenbauer Franz Ederer zusammen. Osterratschen gehören ja – das wissen nur wenige – zur Gattung der Volksmusikinstrumente.

Und er verfasst Beiträge in unserer Zeitschrift, ist forthin Mitautor zahlreicher Liederbuchausgaben u.v.a.m. Er ist in vielen Bereichen freischaffend tätig, als Musiklehrer, als Volksmusik- und Volkstanzreferent und versteht es bestens, das Jodeln mit dem Wandern in Verbindung zu bringen. Diese beiden Dinge – so hat er angemerkt – passen zusammen, wie der Heidensterz zur Schwammerlsuppe.

Und nun wende ich mich an Dich, lieber Herbert!

Die Illusion, mit Dir noch einmal sprechen zu können, die brauche ich jetzt in dieser schweren Stunde, um noch einmal das Gefühl an mich heran zu lassen, Dir nahe zu sein, dem Schicksal zu trotzen und Dich für Augenblicke zurück zu rufen aus dem Dortsein, welches du selbst erwählt hast.

Nunmehr spreche ich also mit Dir: Und zu allererst erwähne ich Deine Partnerschaft mit Nicola, Eure neunjährige und innige Beziehung, die ich in unseren Begegnungen erleben durfte. Eure Freude am Gestalten des Wohnraums und des Gartens in Badegg bei Tobelbad, das Planen und das Verwirklichen, sich dem Wohlfühlen hinzugeben im eigenen Refugium. Dazu auch der Erfolg Eurer Kurse, die getragen waren vom vollendeten Beispielgeben, von Euren ineinander schwingenden Stimmen, mit denen Ihr die Kursteilnehmer regelrecht verführt habt. Nein, es ging Dir nicht nur darum, eine Fertigkeit weiter zu geben, sondern vor allem darum, das Lebensgefühl des selber Klingens erlebbar zu machen.

Und so hast Du in allen Bereichen agiert: Als Vortragender, als Kursleiter, als Autor von Fachbeiträgen und – das möchte ich noch gesondert erwähnen – als Mitstreiter des mit Wolfram Märzendorfer gegründeten Harmonikazentrums in Graz. Nein, diese Einrichtung war der Kulturpolitik nicht wichtig genug, Euch und Dir aber ein Lieblingsprojekt, groß im Bewusstsein um die weltweit verzweigte Industriegeschichte der Harmonikainstrumente, klein und fein in Eurer persönlichen Zuwendung und in der Liebe zum Detail.

Ja, Du warst mir diese vielen Jahre ein besonderer Mitarbeiter, der die  Oberflächlichkeit kulturpolitischer Maßnahmen erkannt hat und beiseite schieben musste. Einer, dem die beamteten Formalismen ein Gräuel waren und der die Machenschaften nicht leiden konnte. Kurz geschüttelt: Es waren die Machenschaften, die Dir zu schaffen machten…

Du hast die politische Trennung von Kultur und Volkskultur ebenso richtig als absurd eingestuft. Und ja, es ist enttäuschend, wie hier an den Lebensgesetzen der musikalischen Traditionen vorbeiregiert wird und mit welcher Impertinenz sich die Politik damit zu schmücken weiß. Du hast Dich wissentlich rausgehalten und Dich daher forthin stärker dem Vermitteln verschrieben, also nicht pflichtschuldig untergeordnet sondern zielsicher gehandelt – weil Dich die Widerstände einerseits belastet, andererseits angestachelt haben.

Herbert, Du warst darüber hinaus ein selbstloser Zeitgenosse, einer, der es für alle richtig machen wollte, einer, der gar nie an sich selbst gedacht hat. Einer, der nicht an die Schalthebel kommen wollte, weil Du nämlich ausschließlich mit der Feinabstimmung des Menschsein zu tun haben wolltest. Du warst im wahrsten Sinne des Wortes ein Feinstimmer und Sozialarbeiter, der über das Singen alle Sinne angesprochen und auch erreicht hat. Du warst zudem ein Perfektionist und vielleicht nicht immer im Einklang mit jenen, die alles „locker vom Hocker“ nehmen. Und dennoch zeigte Deine Arbeit stets neben der Tiefe die Brauchbarkeit für das Leben, die den Weg zu Genuss und Lustbarkeit wies.

Verzeih, lieber Freund, mein Ausufern. Ich weiß, Du warst keiner, der sich in einer Lobhudelei wohlfühlen konnte. Du hattest auch keine Freude am Smalltalk, suchtest stets den tieferen Sinn und das brauchbare und erbauende Gespräch. Gestatte mir in diesem Augenblick aber dennoch diese verbale Umarmung, die Dich für alle deine Lieben in den Mittelpunkt rücken soll. Das hast Du nämlich wahrlich verdient und es ist mir im Augenblick auch persönlich hilfreich: Nur durch die Suche nach den Dir angemessenen Worten, überwinde ich die Fassungslosigkeit, das Nichtbegreifen und auch die Frage, ob ich Dir zu wenig beigestanden bin all die Zeit, vor dieser Stunde.

Was lässt die Vergänglichkeit dennoch zurück?

Herbert, sei getrost: Du hast zahlreiche tiefe Spuren hinterlassen. Die vielen Menschen, denen Du über die Stimme ein klingendes Leben vermittelt hast, sind Dir dankbar für alle Zuwendung. Darüber hinaus gibt es viele, die Deine Eigenschaften, Deine Lebensmoral und Deine Kompetenzen bewundern und denen Du Anlass bist, Dir zeitlebens nachzueifern.

Und nun bist Du von uns gegangen, Herbert, bedrängt und gefangen in Ängsten und im eigenen Zweifel, hast Du den Zeitpunkt zu gehen selbst bestimmt. In Deinem Abschiedsbrief finden sich dennoch keine Vorwürfe, keine Klage und Anklage, sondern Du entschuldigst Dich für Deine schicksalshafte Entscheidung bei allen, die Du in Verzweiflung hinterlässt. Das zeigt Deine wahre Größe.

Sei bitte getrost: Wir haben Dich im Diesseits und auch im Jenseits des Lebens ins Herz geschlossen. Das Ende Deiner Pein und Verzweiflung gereicht uns zum schmerzlichen Trost und niemand von uns ist Dir ob deiner letzten Entscheidung gram.

Danke, lieber Herbert!

Ich sage Dir ein letztes Dankeschön für alles, was Du Deinen Lieben, den vielen Menschen und auch mir gegeben hast. Du warst eine Kulturinstitution für sich, ein äußerst innovativer Denker sondergleichen und daher nehme ich mir die Freiheit heraus, Dir dieses Dankeschön auch im Namen des Landes Steiermark auszusprechen, dem Du mit so viel Leidenschaft wahrlich gedient hast.


Nachruf in der Feuerhalle Graz, 17. Juli 2020; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.