Der Anblick vor dem Jägerball…

Während der Herr Aufsichtsjäger keuchend seine Schuhbänder ordnet, hörte er altbekannte Töne aus dem Schlafzimmer: „Das Rote ist mir zu eng, ins Kostüm pass ich nicht mehr rein, Herrgott noch einmal, was soll ich anziehen?“

Lois setzt sich auf die Stiege und wischt mit dem Taschentuch über sein Revers. Er weiß, dass die Frage nicht an ihn gerichtet ist, es war ein Aufschrei in eigener Sache, aus nagender Unschlüssigkeit geboren. In Sachen Kleidung ist seine Johanna einsame Spitze. Sie kennt sich aus in Fragen der Tradition und auch bei der aktuellen Mode.

Schatz bleib kurz stehen…

Ihren Lois will sie im Dunklen sehen, wenn es um Geschäftliches geht, im Nadelstreif, wenn es ins Konzert geht, in der Lederhose, wenn es zum Trachtensonntag geht. Sie erlaubt ihm weder Flausen im Kopf noch ein paar Flusen am Lodenrock. „Schatz, bleib stehen…“ ist die Einbegleitung zur Suche nach Unzulänglichkeiten an der Außenwand des Lois. Was Wunder, dass Johanna den strengen Maßstab auch an sich selbst anlegt und ihm nur schwer gerecht werden kann. Ihr regelmäßiges Seufzen vor dem Kleiderschrank ist die Sorge um die Passform und nachdem Lois als Gutachter nicht in Frage kommt, muss Frau Spiegel herhalten und so manchen bösen Blick hinnehmen. Johannas Vorgabe: Locker am Körper aber nicht auftragend, figurbetont, aber nicht so stramm wie ein Polsterüberzug. Punkt. Aus den Augenwinkeln beobachtet Lois das Ritual und bemerkt feinfühlend: „Ja, Hanna, das Rote, das steht Dir ausgezeichnet.“ Worauf sie einige Minuten später im grauen Trachtenkostüm erscheint. Da noch eine Locke zurückgelegt und dort noch einmal zurechtgezupft. Jetzt ist es so weit…

Der Jägerball und seine Anfänge…

Lois schaut auf die Uhr. „Hanna?“ ruft er in die gute Stube und nimmt die Haustorschlüssel, um sie von Außen anzustecken, als ob sich das Ritual vor dem Spiegel durch das Klingeln des Schlüsselbundes verkürzen ließe. Zum Jägerball gehen die beiden jedes Jahr, er gehört sozusagen zum guten Ton und in seiner Funktion hat Lois doch einige gesellschaftliche Verpflichtungen.
Vor dem Haus ist es dunkel geworden und er freut sich, einmal nicht ins Auto steigen zu müssen. Der Jägerball findet drüben beim Auwirt statt und das ist nur ein Katzensprung. Lois muss heute die Eröffnungsrede halten und es gehen ihm noch die Einzelheiten durch den Kopf, die er aus diesem Anlass sagen möchte. Immerhin hat er sich über die Historie der Jägerbälle schlau gemacht. Es waren engagierte Jäger um Alexander Prinz zu Solms-Braunfels, die am 4. März 1905 einen ersten Jägerball im Wiener Hotel Intercontinental veranstalteten. Nicht die Lustbarkeit einer Ballveranstaltung stand aber Pate, sondern ein hehrer Gedanke: Mit dem Reinertrag des Balles sollte in Not geratene Jäger und deren Familien geholfen werden. Das damals gegründete „Grüne Kreuz“ widmete sich also humanitären Aufgaben und besteht immer noch – nämlich über hundert Jahre. Der Ball zählt übrigens nach wie vor zu den beliebtesten Tanzveranstaltungen der Bundeshauptstadt und avanciert in Insiderkreisen als exzellenter Heiratsmarkt.

Warten auf Hanna…

„Da stehen wir mit unserem örtlichen Jägerball durchaus in einer schönen Tradition“, denkt sich der Herr Aufsichtsjäger und schreitet zum wiederholten Male die kleine Parkplatzfläche ab. Seine Lederne passt ihm ausgezeichnet und er genießt das Lodenrock-Gefühl. Er bleibt stehen und greift mit beiden Händen an die Knopf- und Knopflochleiste. Er denkt an seinen Vater und Großvater. Beide waren mit der Jägerei verbandelt und ausgezeichnete Schützen. So in der Mitte des Lebens mag eine Spur Selbstzufriedenheit durchaus erlaubt sein, denkt Lois und fühlt sich selber als ein Stück der Landestradition und der eigenen Familiengeschichte.

Also doch das Rote…

Von Ferne her sind die ersten Töne der Musik zu hören und er wird aus dem Sinnieren herausgerissen. „Na was is, Hanna?“ sagt er zu sich und hört wie sich die Schlüssel drehen. Da steht sie vor ihm, atemlos schön – im festlichen Dirndl, im roten. „Hast wild lang braucht, aber fesch bist..“ meint der Herr Aufsichtsjäger und führt seine Frau zum Tanz.

Dazu ein paar Gstanzl

Auf zum Tånz sågt da Frånz
Wårt a bissl sågt die Liesl,
fürs Kostüm bin i zu dünn,
des Rote is aus da Mode,
des aus Seide håt a die Heide.
Marandana* – hilft ma kana?
Nimm  des Helle auf die Schnelle,
mit die Bleaml auf die Ärml,
mit die Knöpferl unterm Zöpferl
und Bandl um die Randl.
* Maria und Anna

Wås zupfst denn so lång?
Mir wird Ångst und bång!
Von mir aus nimmst hålt ålle drei,
sonst is da Jagaball scho båld vorbei…

Geh weiter liabe Hanna,
geh ziag di gschwind ån,
beim Jagaball entn
san die Auftånza drån…

„So weit samma“,
sågt zum Franzl die Hanna,
„zum Jagaball entn
kånn si koa Diandl verwenden“

Komm eina Frånz in mei Kåmmer,
dås enge Miada is a Jammer,
i hålt die Luft ån und du bindst.
Weg mit die Finga – spinnst?

„Wånn dås so is, mei liabe“
moant da Frånz zu da seinen,
„dånn kauf i da båld scho
beim Gössl a Leinen.

Für jeden Jaga is,
dås såg i Euch gånz gewiss,
die eigene Frau, die „Gnä“
die ållerbest` Trophäe

Beim Jagaball beim Ångerwirt,
då zoagt a jeder Jaga heit
sei Stutzerl her
und seine Maid.


Gwandhaus-Journal, Salzburg, 12/ 2011; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.