Das Leitbild des Steirischen Volksliedwerkes

Ein Blick in die Volksliedwerk-Geschichte

Das Steirische Volksliedwerk (als „Arbeitsausschuss Steiermark“ im Jahre 1904 gegründet) ist eine Forschungs- und Förderungsstelle für Volksmusik und Volkspoesie und beschäftigt sich einerseits mit Forschung und Archivierung, andererseits mit dem Publizieren und der Verlebendigung von musikalisch-poetischer Traditionen. Dabei nimmt die Serviceleistung (Beratung, Vermittlung etc.) einen besonderen Stellenwert ein, denn bei immer mehr Menschen macht sich das Fehlen von Kenntnissen bemerkbar, die früher einmal durch Überlieferungsvorgänge erworben wurden – sie schätzen unsere Kompetenz. Es ist daher eine hohe Verantwortung, bei der Weitergabe von Informationen und Belegen aus dem Fundus der gesammelten Überlieferung auch die Sinnhaftigkeit ihrer Verwendung zu überprüfen, Erneuerung und damit Besitzergreifung anzuregen. Gerade diese Kompetenz gilt es herauszustreichen, weil man hinter unserem Unternehmen zuallererst einen eher – verzeihen Sie – m u s e a l e n Traditionsverein vermuten würde. Dieses Image des verkrampften Bemühens, die wertvolle alte Volksmusik vor dem Vergessen zu bewahren, war auch der Grund, warum sich das Steirische Volksliedwerk schon 1994 entschlossen hat, mittels Leitbilddiskussion ein neues Selbstverständnis anzuregen, um innerbetriebliche Kontinuität zu sichern und um die Philosophie unserer Institution nach außen zu transportieren.

Die Struktur unseres Unternehmens

Wir sind eine in der Kulturabteilung angesiedelte Landesdienststelle, die einem agilen Förderverein, dem Steirischen Volksliedwerk und dessen ausgelagerten Wirtschaftskörper – der Steirisches Volksliedwerk- Verlags GesmbH – seine Lebensfähigkeit verdankt. Als Verwalter des Steirischen Volksliedarchives – der wohl bedeutendsten Sammlung Österreichischer Volksmusik – sind wir mehr als eine Standesvertretung von Volksmusik- und Singgruppen. Wir haben den Auftrag, die Zusammenhänge zwischen Musiktradition und neuen Lebensentwürfen zu erforschen, den Umgang mit unserer traditionsreichen und brauchtümlichen Musik und Poesie zu dokumentieren, zu lehren und zu mehren. Die Kenntnis der außermusikalischen Randbedingungen von Volksmusik verdanken wir zuallererst unserer Position im Reigen jener Verbände, die sich um musikalische Volkskunst bemühen. Es geht uns also nicht um die Aufführung irgendwelcher „echter“ Musikstücke, sondern um die Humusbereitung, auf der musikalische Traditionen in einer geänderten Arbeits- und Freizeitwelt eine Rolle spielen können. Es geht um Unterhaltungswert und Veranstaltungsformen. Unsere Zielgruppe: 100% der Bevölkerung. Die Fusion von Landesstelle, Verein und Verlags-GesmbH ist das eigentliche Geheimnis unseres Erfolges und selbstverständlich auch unsere Vielseitigkeit. Die Arbeitsbereiche setzen sich folgendermaßen zusammen: Volksliedarchiv, Liederdienst, Service, Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, diverse Projekte (Schul-, Forschungsprojekte etc.), Publikationen, Kooperationen etc.

Zum eigentlichen Leitbild

Die Idee dazu ist 1994 entstanden. Animiert hat uns Herr Hans Horne aus Rosenheim, dem als Mitglied unseres Steirischen Volksliedwerkes aufgefallen war, dass wir die wesentlichsten Inhalte unserer Arbeit bisher nur mangelhaft an unsere Zielgruppe herangetragen haben. Die Agentur Horne & Partner hat sich dann über Jahre mit all ihrer Erfahrung zur Verfügung gestellt. In vier Klausuren (jeweils zweieinhalb Tage) erarbeiteten unsere Mitarbeiter und die Vorstandsmitglieder das neue Leitbild des Steirischen Volksliedwerkes. Wir waren bei diesen Tagungen meist vollzählig – etwa 20 bis 25 Personen. Es war eine mühevolle Kopfarbeit, die über unsere reguläre Arbeitszeit hinaus geleistet wurde. Dabei wurde um Begriffe gerungen, denn es war ein Prozess der Veränderung, der Einsicht und zugleich auch die Geburtsstunde von bisher noch nicht dagewesenen Ideen. Aus diesen Klausuren sind wir jedes Mal motiviert an den Arbeitsplatz zurückgekehrt und haben schrittweise zu einem neuen Arbeitsstil gefunden. Das Ergebnis unserer jahrelangen Arbeit, unser Leitbild, ist am Ende dieses Beitrages angefügt.

Für die Erstellung des Corporate Design wurden dann vier Firmen um Anbotslegung ersucht. Letztlich haben wir eine Mischung zwischen den Entwürfen der Fa. Martschin/Wien und Fa. michen & trummler/Übelbach gewählt. Die Mitarbeiter waren bei dieser Entscheidung mit eingebunden.

Die angefallenen Kosten

Da die Vorbereitungen (Leitbildtagungen) von der Fa. Horne & Partner gesponsert wurden, blieben uns nur die Kosten für Corporate Design, d.h. für die Entwürfe der Agenturen und vor allem die Honorare für die beiden ausgewählten Agenturen. Das waren etwa € 2.906.– (ATS 40.000.–). Kostspieliger waren die Folgen, also die Layoutanwendung auf alle unsere Publikationen, sowie die bessere Papierqualität und Farbgestaltung. Es explodierten folglich die Layout- und Druckkosten. Der geschätzte jährliche Mehraufwand: € 18.168.– (ATS 250.000.–).

Die Folgen der Leitbildarbeit

Die Erstellung eines eigenen Leitbildes hat unserer Institution einen Motivationsschub gebracht. Die Mitarbeiter haben erkannt, dass es notwendig ist, sein eigenes Tun einer grundsätzlichen Zielrichtung zu unterwerfen, dass es notwendig ist, die Zielrichtung immer wieder zu überprüfen. Wesentlich ist es, diese Kopfarbeit selber zu tun, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ungeachtet der Position einzubinden, diese Arbeit jedoch von einem professionellen Unternehmen führen zu lassen. Unsere Mitarbeiter waren jederzeit in Entscheidungen eingebunden. Die oben angeführten Mehrkosten haben sich gelohnt. Sie haben nicht nur zur Popularität unserer Arbeit beigetragen, sondern auch innerbetrieblich einen neuen Geist entfacht.

Die wesentlichen Auswirkungen in der konkreten Arbeit

⊗ Unsere Mitarbeiter konnten besser motivieren und argumentieren, hatten auch Freude an den Ergebnissen und standen sicherer hinter unseren Ideen.

⊗ Unsere Zeitschrift Der Vierzeiler erhielt ein neues Layout, ebenso alle unsere Folder und Programme, das machte uns zusätzlich Freude.

⊗ Unsere Pressearbeit wurde professioneller.

⊗ Es folgte eine Serie von Fortbildungsveranstaltungen, die als Folge des erstellten Leitbildes notwendig geworden waren.

Schlussbemerkung und Aussicht

Die Aufgabenstellung des Steirischen Volksliedwerkes ist eigentlich eine schwierige. Inmitten der ständig wachsenden Angebote am Freizeitsektor, einem unüberschaubaren Kulturangebot, der zunehmenden Vermarktung von Traditionen, der alten Vorurteile allem Volkstümlichen gegenüber müssen wir unsere Angebote besser artikulieren. Welche sind das aber? Leben mit Traditionen bedeutet eine besondere Qualität im Zusammenleben mit Anderen, insbesondere im Generationenverband. Die allgemein unter „Volkskultur“ subsumierten Inhalte wurden aber immer als Gegenspieler zu Innovation und Fortschritt genannt und gedacht. Traditionen – und damit auch die musikalisch-poetischen Fähigkeiten der Menschen – können jedoch einem größeren Sinn dienen und Sinn stiften, wenn sie als Mittel zum Leben – also als „Lebensmittel“ – ihre Bedeutung haben. Es gilt daher, von oberflächlichen Liebhabereien zur inhaltlichen Positionierung zu gelangen, um unsere Kompetenz in den Vordergrund zu stellen, unsere Dienstleistung für alle besser verständlich machen zu können.

Für unsere Mitarbeiter und damit für unser Unternehmen Steirisches Volksliedwerk war die Erstellung des Leitbildes und die bislang gelungene – aber noch nicht abgeschlossene – Umsetzung eine besondere Herausforderung. Wir können anderen Institutionen nur empfehlen, diesen Weg ebenfalls zu beschreiten.


Erster Erfahrungsbericht und Kommentar zur Leitbilderstellung des Steirischen Volksliedwerkes anlässlich 10. Steirischer Museumstag 11/ 2001; Die den Teilnehmern präsentierten Details des Leitbildes werden hier aus Gründen des Datenschutzes nicht übernommen; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.