Der Transport der Botschaft

Die Geschichte der Zeitschrift „Der Vierzeiler“

 

 

Anfänglich war es ein Mitteilungsbrief - an sechzig getreue Mitdenker gerichtet. Dass es die Geburtsstunde einer Zeitschrift war, damit haben wir nicht gerechnet. Schon damals aber - und später ist dies beibehalten worden - war unser Blatt ein Spiegelbild der nach allen Seiten ausgerichteten Bemühungen des Volksliedwerkes: Als Rechtfertigung gegenüber dem Arbeitgeber, den zuständigen Politikern, den Mitgliedern des Vereins und – schon damals – als Botschaft nach außen, an Menschen, die sich in ihrem kulturellen Denken auch den vielfältigen Traditionen unseres Landes zuneigen könnten.

Die Gunst des zähen Anfangs

In diesem letzten Wort „könnten“ liegt das ganze Geheimnis und die Strategie: Niemals den Kreis schließen und niemals sich im eigenen Saft genügen. Zuerst aber zu den Anfängen, als wir von unserer Strategie noch nichts wussten: Vielleicht könnte jemand vermuten, diese Zeitschrift entstand als Auftrag, mit Budgetmittel und mit fixen Redaktions- und Erscheinungsterminen,  mit einem offiziellen Start samt Pressekonferenz. Nein, das war nicht so. Ich erinnere mich aber an „fortissimo“, jenem aufwendigen Blatt, das den steirischen Musikschulen als Medium dienen hätte sollen und eben ein solches Auftragswerk war. Wir gratulierten damals dem Redaktionsteam postwendend, weil wir es für notwendig erachteten, dass einer so großen Bildungseinrichtung ein Sprachrohr beigestellt wird. Leider erschien die Zeitschrift nur kurze Zeit: Zu aufwendig gemacht, zu große Abhängigkeit vom Geldgeber, zu wenig Ausdauer, zu wenig langer Atem. Kurz erschienen, Budget entzogen, schon verloschen. Schade!

Die kleinen dynamischen Schritte

Aus der Notwendigkeit sich mitzuteilen geboren, schon in den Anfangsjahren meiner Tätigkeit die wenigen kleinen Erfolge auszuposaunen, entstand eine Kontinuität und eine Eigendynamik, die Schritt für Schritt erfolgreich waren. 1982 zählte das Volksliedwerk 250 und 1983 bereits 500 Mitglieder. Lange Jahre bewährte sich die Auflage von 5000 Stück, heute erscheint die Zeitschrift in einer Auflage von 12.000 Exemplaren. Sie war und ist stets ein Spiegelbild der Entwicklung des Volksliedwerkes. In den Erstausgaben geblättert, zeigt sich zuerst die Federführung des langjährigen Vorsitzenden Hubert Lendl und ebenso seiner Mitstreiter Rudolf Schwarz, Emil Seidel,  Sepp Spanner und Heimo Schönhofer. Letzterer zählt bis heute zu den umsichtigen Köpfen der Redaktion. Die Einbindung des Volksliedwerk-Vereins in das Amt der Steiermärkischen Landesregierung, der unmittelbare Auftrag an mich, dem Volksliedarchiv auf die Sprünge zu helfen, war die grundsätzliche Entscheidung.

Überraschend zähe Hindernisse

Wer hätte sich aber gedacht, dass eine im Amt der Landesregeierung erscheinende, erfolgreiche Zeitschrift Jahre später einfach fallen gelassen wird? Das betraf nicht etwa Fördergelder die es ja nie gab, sondern administrative Abläufe innerhalb des Landesbetriebes, die das Erscheinen bislang sicherten. Ab dem Jahre 1998 gab es noch und noch Erschwernisse, aber keine Gesprächsbereitschaft. Wir haben dies unseren Lesern nie mitgeteilt, denn wer will schon von Krisen erfahren und wer hätte geglaubt, dass eine über die Grenzen hinaus beachtete Zeitschrift hierzulande nicht verstanden wird. Erst mit der Gründung unseres Verlages im Jahre 2000 konnten wir den Verlust einer langjährigen Partnerschaft wettmachen. Das ist zwar Geschichte, aber umso beachtenswerter, weil es den Vierzeiler damals beinahe nicht mehr gegeben hätte und heute nach wie vor gibt.

Vom Brief zur Botschaft

Viele Initiativen aus dem Steirischen Volksliedwerk verbreiten sich durch unsere Zeitschrift in Windeseile. Etwa die Musikantenstammtische ab 1980, die Auszeichnung musikantenfreundlicher Gaststätten ab 1984, die Bewerbung der beliebten Geigentage und damit auch die Publikationstätigkeit: Die Steirischen Liederblätter, Liederbücher und Instrumentalausgaben von Rudolf Schwarz und Emil Seidel und ebenso die für die Musikwochen und Geigentage konzipierten Liedermappen, Geigentaghefte in Zusammenarbeit mit Rudolf Pietsch. Das Prinzip, die Volksliedwerk-Arbeit durch Einkünfte aus dem Publikationsverkauf zu stützen, war von allem Anfang an ein Teil der Strategie. Schon im Jahre 1981 werden in unserer Zeitschrift eine ganze Reihe Publikationen angeboten und es gibt forthin keine Ausgabe ohne Bestellabschnitt. Ebenso wird immer wieder die Einladung zur Mitarbeit ausgesprochen. Das Einbeziehen von interessierten und von unserer Arbeit begeisterten Menschen wirkt sich bereichernd aus und mündet in eine Vielfalt von Arbeitsinhalten. Allen, die uns eine Zeit lang begleitet haben, sei hier gedankt und sie seien auch namentlich genannt. Bevorzugt aber dem Volksbildner Hubert Lendl, dessen Kolumne „Da Hofråt“ viele Jahre Ausgleich geschaffen hat, wo Verhärtungen der Traditionspfleger notgedrungen auf  die Lockerheit einer neuen Sicht von Kulturarbeit gestoßen sind.

Willkommenes Querdenkertum

Das war die Zeit der Begegnungen mit Mitdenkern und Vorbildern, die heute nicht mehr unter uns sind: Lois Steiner, Fanz Koringer, Kurt Muthspiel, Willi Pöllabauer, Lois Blamberger, Peter Girn, Max Haager, Karl Frießnegg u.v.a. Später holte ich mir mit Hans Neuhold einen exzellenten Querdenker in die Redaktion, dessen „Randbemerkungen“ stets genau im knisternden Spannungsfeld lagen. Schon sehr früh (etwa 1983) – so ist es nachzulesen – beginnen Veranstaltungsreihen, die heute noch lebendig sind, etwa „Musik aus der Rocktasche“ (Mundharmonika) Seminar „Schöne Lieder alte Jodler“ und „Ein Musikant kommt in die Schule“. Schon 1983 klagt der Vorsitzende Lendl über zu viel Arbeit, bemerkt aber klug: „Besser ein bedrängtes Arbeitsfeld und eine Fülle von Aufgaben, als die öde Verlegenheit eines künstlichen und nur formal ablaufenden Vereinsbetriebes“.

Die Qualität von Schnapsideen

Viele Aktivitäten entstammten damals einer Laune des Augenblicks, wie etwa das Treffen der steirisch-niederösterreichischen Musikantenstammtische beim Pucheggerwirt im niederösterreichischen Aspang (1984) und das Seminar „Lieder der Holzknechte“ (1983). Solche Späße hatten wir uns damals wohl verdient, immerhin waren die Jahre 1981 bis 1986 – bis zur Eröffnung des Volksliedarchives in der Paulustorgasse – eine äußerst schwierige Zeit. Einer der Zeitzeugen ist Walter Deutsch, der mir bei der Sichtung der Archivalien an die Hand ging und dazu ungezählte Male von Wien nach Graz reiste. Mit der Inbetriebnahme einer nunmehr für Besucher geöffneten Sammlung, erhielt unsere Zeitschrift, die bis 1985 eher sporadisch und oft nur als einzige Ausgabe zu Ende des Jahres erschien, enormen Auftrieb und ein Aufgabengebiet.

Vom Vereinsblatt zur Zeitschrift

Ab 1988 wird jede Ausgabe einem Thema gewidmet und schon kurze Zeit später wird die Stimmigkeit zwischen Thema und Fotogestaltung zum Prinzip, der Fotobedarf immer weniger  aus den schon vorhandenen Beständen gedeckt, sondern extra zu einem Thema gefertigt. Welcher Aufwand! Und welcher Spaß! Mein Berufsfeld hat aber stets auch in mein Privatleben hineingespielt und so entstanden viele Themen und auch viele einzelne Beiträge samt Fotomaterial aus dem direkten Erleben, aus jahrelang aufgestauten Überlegungen: Neue Volksmusik/ Rundfunk und Volksmusik/ Das Volkslied im Chor/ Das Heimatlied/ Weihnachtslieder-Berieselung/ Volksmusik und Urheberrecht/ Verschuldung der Volksmusik u.v.m. Das Prinzip des Spielens mit der engen Beziehung zwischen Thema und Bild und überhaupt die Begeisterung für diese journalistische Aufgabe hat sich bald auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übertragen. Der Aufwand ist nicht weniger geworden, am Spaß nimmt aber das ganze Unternehmen Anteil.  

Strategie und Philosophie

Meine Empfehlung: Wer mit seiner Zeitschrift ein Vierteljahrhundert erscheinen will, suche sich ein ähnlich sensibles Thema, wie es die Volksmusik ist. Das macht eben die Beständigkeit aus. Die Volksmusik für viele als Relikt erstarrt, für rückständig und belastet erklärt, waren wir immer auf der Suche nach Wertschätzung für die vielen kleinen Begabungen, nach dem Bemühen, die Verhärtungen aufzuweichen um den Verbinder vom Gestern zum Heute zu spielen. Das war eine schöne Herausforderung. Ja, und ebenso waren wir bemüht, niemanden den Spaß – auch an den ernsten Themen – zu verderben. Da galt es immer wieder einmal, neue Worte zu erfinden, um den besetzen Begriffen die Griffigkeit zu nehmen. Erkenntnisse sind ja oft das Resultat einer ausgeklügelten Serviertechnik.

Nie haben wir Füller brauchen  können, immer war mehr Inhalt vorhanden als wir unterbringen konnten. Wir wollten stets Begeisterung versprühen und Pathetisches weglassen, uns mehr dem Heute und Morgen anstatt dem Gestern widmen, über den Zaun anstatt in den eigenen Stall schauen, mehr begrüßen anstatt verabschieden, mehr den tiefen Sinn beschreiben als oberflächlich beschönigen, mehr Fragen in den Raum stellen als kritisieren, lieber Spannungsfelder aufgreifen anstatt sie zu vertuschen, gerne Entwürfe formulieren anstatt Fertigware auszuposaunen, mehr Lebendiges bieten anstatt Verblichenes bewerten, stets Rezensionen selbst machen anstatt Werbetexte zu übernehmen und mit Begeisterung den kleinen Funken Musikalität aufzeigen, anstatt der Virtuosität zu huldigen.
 
Ein Vierteljahrhundert "Der Vierzeiler". Nach einer solchen Zeitspanne des Denkens und Schreibens  sind wir alle, die an unserem Vierzeiler arbeiten an ihm gewachsen. Routine eingekehrt? Nein, es ist nach wie vor eine Lustbarkeit, aus den scheinbar widersprüchlichen Qualitäten zu schälen, Gemeinsamkeiten herbei zu schreiben und damit vergilbte Vorstellungen neu einzufärben. Unser Denken und Formulieren, unser Schreiben und Fotografieren macht uns viel Freude.  Wir betreiben damit einen Kulturjournalismus, der  im Wechselspiel zwischen Tradition und Innovation ein hohes Potential an Eigenverantwortung einmahnt, ohne gleich Magenkrämpfe zu verursachen.

In den alten Vierzeiler-Ausgaben entdeckt:

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unsere Zeitschrift eine Zeit lang mitgestaltet haben:

Kurt Bauer, Gerlinde Bimeshofer, Judith Bimeshofer, Kurt Candussi, Franz Deimbacher, Dorli Draxler, Liane und Martina Edler, Monja Faller, Georg Frena, Wolfram Frena, Christian Foscht, Astrid Fritz, Elisabeth Grasl, Gernot Griebichler, Hubert Grininger, Ingrid Habeler, Verena Habeler, Angelika Hammler, Andrea Hartmann, Gertrud Härtl, Ingeborg Härtel, Wolfgang Heinzl, Andreas Hofer, Andrea Hoffmann, Hannes und Edeltraud Hofrichter, Eva Maria Hois, Gundl Holaubek-Lawatsch, Briggitta Hribernigg, Heimo Hüttig, Gertrude Kink, Erwin Klauber, Brigitte Klusemann, Herbert Kriebernegg, Maria Kundegraber, Katharina Leitner-Amon, Rudolf Leitenmüller, Hubert Lendl, Titus Lantos, Wolfram Märzendorfer, Alois Mauerhofer, Hubert Moser, Bernhard Muik, Hans Neuhold, Günther Novak, Lieselotte Otto, Sepp Pichler, Konstanze Pimeshofer, Elisabeth Poglitsch, Christiane Polzer, Bernd Pratter, Simone und Kurt Prein, Anita Purkharthofer, Sepp Rauth, Birgit Resch, Viktor Safer, Andreas Safer , Christine Scherzer, Uwe Schmidt, Barbara Schirrer, Helga Schnur, Michael Selenko, Elfriede Sorger, Gertrude Sterbenz, Theresa von der Thannen, Doris Trummer, Karin Wallgram, Peter Wassertheurer, Wolfgang Weingerl, Sepp Weberhofer, Heidi Wiedner, Albin Wiesenhofer, Arnold Zimmermann, Franz Zöhrer...u.v.a.

Wie der Vierzeiler zu seinem Namen kam....

Für keinen der damals kreierten Vorschläge konnten wir uns recht begeistern. Da kam uns die Gstanzlsammlung im Volksliedarchiv in den Sinn. Jede Ausgabe – so unser Plan - sollte auf der Titelseite von einem Vierzeiler eingeleitet werden. Da wir vier Mal jährlich erscheinen und die Sammlung 8000 Gstanzln enthält, bestand schon damals die Aussicht, 2000 Jahre erscheinen zu können. Damit war „Der Vierzeiler“ geboren, die ersten 25 Jahre sind deutliches Zeichen dafür, dass unsere Rechnung aufzugehen beginnt.