Laudatio zum 60. Geburtstag von Franz Zöhrer

   

Musikalische Überlieferung und musikalische Ausbildung sind zwei gegensätzliche Begriffe für die gegenwärtige Situation im Umgang mit Volksmusik. Die musikalische Überlieferung ist in der Volksmusik untrennbar mit Tradition und Brauchtum verbunden. Die Weitergabe von Worten und Weisen erfolgt mündlich. Veränderungen erfährt diese Musik im Gebrauch aber nicht in ihrer Substanz. Das bedeutet aber, dass Melodien und Texte mehr als nur Freizeitaccessoire sind, sie sind nämlich geistiger Besitz, Teil des Lebens. Aktuelle Liedpflege im Blickfeld der Musikbildung beschäftigt sich heute allzu sehr mit dem Auswählen zwischen volkstümlichen, echten, guten oder schlechten, aktuellen oder veralteten Liedern. Solche Wertungen werden in der Überlieferung nie vorgenommen. Menschen, die mit diesen Liedern leben, kümmern sich nicht um Definitionen sondern singen jene Lieder, die in der bereits gelebten Lebensspanne gelernt wurden und an Bedeutung gewonnen haben. Es sind die Eindrücke des Lebens, die ihre Spuren im musikalischen Repertoire hinterlassen.



Es gibt auch heute noch Menschen, die in einem besonderen musikalischen Umfeld aufgewachsen sind, mit ihrer ganz speziellen Musiktradition leben. Es wäre also längst angebracht, die Verbindung zu den traditionellen Sängern zu suchen und herzustellen, denn kein Notenblatt kann erlebte Musik so gut notieren als wir selbst im aufmerksamen Gegenüber.



Die Volksliedforscher verweisen seit Jahren auf das Fundament des instinktmäßigen Umganges mit Musik und ermöglichen damit den Zugang zu einer besonderen Welt, nämlich die der musikalischen Umgangssprache. Dies ist nun keine Absage an die hohe Kunst der Musik, aber doch eine Mahnung, dass nicht alles was um uns und in uns klingt, mit Musiktheorie alleine erklärbar ist. Die Kunst des Zusammensingens und Jodelns, des Speicherns von hunderten Melodien und Texten und das alles ohne Notenblatt ist den Musikgebildeten kaum bekannt. Umgekehrt verstehen die in der Tradition stehenden Sängerinnen und Sänger nicht, warum man auf dem Weg zur Musik den Umweg über Noten beschreiten muss. Es ist aber nicht nur dieser außergewöhnliche Zugang zur Musik der uns beeindruckt. Es ist vielmehr die Rolle, die Musik im Leben dieser Menschen spielt. So die Meinung eines Volksmusikforschers: ”Wie wohltuend sind die Begegnungen mit den Gewährsleuten, die ihr gesamtes musikalisches Innenleben auspacken als Spiegelbild einer mit Musik gelebten Zeitspanne”. Soviel zur Volksmusik und das Gesagte ist zugleich auch ein Bekenntnis zu diesen besonderen Traditionen unseres Landes, zugleich aber auch ein Bekenntnis zur Volksliedforschung in der Steiermark.

 

Heute geht es aber um Franz Zöhrer:
Er wurde am 21. 3. 1937 in Laufnitzdorf 5, bei Frohnleiten geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Laufnitzdorf, war er bis Jänner 1966 daheim am elterlichen Hof in der Land- u. Forstwirtschaft beschäftigt. Franz war eines von insgesamt neun Kindern der weitum beliebten Felberbauern Elisabeth und Georg Zöhrer. Später war er bei der Fa. Meyr Mellnhof beschäftigt, zuerst im Forstbetrieb und später in der Kartonfabrik bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1994.



Die Singerei war von der Kindheit an sein ganzes Leben von großer Bedeutung. Wer kann schon auf so viele Stunden klingender Harmonie zurückblicken? Daheim sang er mit seinem Vater und einem Teil der Geschwister. In dieser Zeit gab es noch keine andere Unterhaltungsform als den Naturgesang. Und so fand das Singen und Jodeln auch in der Umgebung großen Anklang. Der Aufforderung "Franz sing an!" ist er sicher tausende Male nachgekommen. Die kleinen und großen ländlichen und almerischen Feste schufen menschliche und musikalische Begegnungen der besonderen Art. Und so hat er sich nach und nach zu einem lebendigen Liederbuch entwickelt. An die 300 Lieder und 60 Jodler sind sein Besitz. Er dankt diese Fülle an Melodien allen seinen Vorbildern und dem "allzeit Zuhören" können. 1969 zog Franz zu seiner Schwester Luisl, wo er seinen festen Wohnsitz gefunden und sich ein gemütliches Zuhause dazugebaut hat. Während in dieser Zeitspanne alle seine Geschwister geheiratet haben, ist das Singen am Bauernhof zu Ende gegangen. Er selbst - so sagt er - ist von der Ehe verschont geblieben, und so trat das Singen als Lebensinhalt in den Vordergrund.



Seit der im Jahre 1978 gegründeten Laufnitzdorfer Sängerrunde ist Franz Zöhrer dabei. Inzwischen wird diese Sängerrunde von seinem Neffen Hubert geleitet. Als der Franz im Jahre 1981 von mir im Gasthaus Luckner in Übelbach angesprochen wurde, konnte er noch nicht wissen, wie sehr sein ganzes Leben eine schicksalhafte Wende nehmen würde. Vorerst ging es mir um einen Forschungsauftrag, wobei Franz Zöhrer seinen großen Liederschatz dem Volksliedarchiv anvertraut hat.



Es entstand aber auch eine Freundschaft und Vertrautheit, so dass Franz Zöhrer schon bald  zur Sänger- und Musikantenwoche nach Mariazell eingeladen wurde. Nicht als Teilnehmer sondern als Liedlehrer. Er löste mit seinem Wissen und Liederschatz die vorher üblich gewesenen Singwochenhefte ab. Diese Aufgabe als Liedvermittler erfüllte er so vorbildlich, dass er aus der Funktion des Referenten seither nicht mehr entlassen wurde. Alljährlich lernt er den Jugendlichen seine schönen Jodler und Lieder. Seit Jahren übrigens auch - und das wissen nur wenige - als Gastreferent an der Grazer und Wiener Musikhochschule. Es ist ein Glück, dass Musikstudentinnen und Musikstudenten neben der hohen Kunstmusik durch Franz Zöhrer ein Zugang zur hohen Kunst des freien Volksgesanges finden. Sein interessanter Lebenslauf erregte schließlich auch das Interesse der Musikwissenschaft und wurde so zum Inhalt der Diplomarbeit von Frau Barbara Pimeshofer-Monitzer.  Es ist auch kein Zufall, dass der Felber-Franz erst kürzlich in den Vorstand des Steirischen Volksliedwerkes gewählt wurde. Wer könnte Sänger und Musikanten besser vertreten als er, der sich der Musik nie über Notenköpfe, Musiktheorie und musikpädagogische Fragestellungen genähert hat, für den es keine solchen Umwege gegeben hat?


Letztlich ist Franz Zöhrer, obwohl er keine solche Ausbildung genießen konnte, der geborene Pädagoge. Er ist in seiner liebenswerten Art nicht nur musikalisches Vorbild. Seine Lebenshaltung können viele ohne Bedenken einfach übernehmen, so wie sie auch seine Melodien und Liedtexte aufnehmen. Nie und nimmer ist er aber ein Extremist in Sachen Volkslied, seine Anschauung hebt sich nicht ab in reine Begeisterung und in ein Gefasel von Echtheit. Seine Zuwendung ist aber echt und er gibt ein Beispiel dafür, dass hohes musikalisches Niveau nicht immer das Ende eines künstlerischen Prozesses ist, sondern auch durch das Leben mit Musik erreicht werden kann.



Was uns alle aber noch viel mehr beeindruckt ist die Tatsache, dass der in vielen Dingen des Lebens benachteiligte Felber Franz seinen Vorteil, nämlich singen zu können, zur Freude so vieler Menschen eingesetzt hat und auch weiterhin einsetzt. Er selbst hat sich dadurch einen großen Freundeskreis geschaffen. Dieser Freundeskreis ist dankbar für die einmalige Gelegenheit, in der Person des singenden Franz Zöhrer das Einfache und das Geniale nebeneinander kennengelernt zu haben. Um Franz machte sich seine Mutter immer ganz besondere Sorgen, ob er wohl mit dem Leben zurecht komme. Wie sich zeigt, waren die Sorgen unbegründet.


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