Eine brauchbare Verbindung:

Wirt und Musikant

 


Wenn wir unsere bisherigen „Übelbacher Erhebungen“ in Bezug auf das Wirtshaus betrachten, dann können wir sagen: Wir sind fündig geworden. Innerhalb des Projektes Übelbach hat unsere Mitarbeiterin Dorli Draxler geradezu eine Vernetzung der Wirte mit der Musik feststellen können. Was damit gemeint ist, beantwortet ein eindrucksvolles Fotodokument aus dem Besitz des Wirtes Richard Schönbacher in Übelbach: Die personelle Zusammensetzung einer Musikgruppe ist für den Feldforscher ein wichtiger Teil für das Zusammenfügen eines Gesamtbildes von Musik und Lebensfeld. Die hier angeführten Personen erfüllten ihre sich selbst gestellte musikalische Aufgabe wie viele andere Musikanten auch. Dass sie zusätzlich im gemeinsamen Beruf einen übereinstimmenden Nenner finden, ist nicht absonderlich.

Drei Wirte machen zusammen Musik.

Franz Triebl meint über sich und seinen Vater in bezug auf das Singen und Musizieren im Heimat-Wirtshaus: „Es is oanfach z‘såmmkumman und g’sungan wordn. Und es håt immer passt und woaßt eh, wias ba an Gåsthaus ist, amol kummt der daher, - „Du, sing ma den Präbichler Jodler ån“, oder „sing ma den Jodler ån“. Und då war dåmåls noch – i kånn mi guat erinnern, wia is so a Bua wår – der ålte Nießenbåcher, der wår dåmåls schon 85 Jåhr oder wås; der håt ja so urige Vierer-Jodler g’håbt, wås waß i, i glaub, die kånn heut ja sowieso kaner mehr“.

 
Und Johann Schönbacher zählt Festivitäten auf; Tanzgelegenheiten, wo Musikanten und Sänger in Erscheinung traten:
„Ång’fångan håt’s am Ostersonntåg, dånn wår Pfingstsonntåg und da Micheli-Sonntåg, und so is des furtgångan ba jeden, då san gewisse Sonntåg g’wesn, da Anna-Sonntåg, Jakobi zum Beispiel und då ist überall umgångan. Då is gleich ba zwa, drei, vier Gasthäuser hintereinånd Musi g’wesn. Jå då wår ban Båchwirt, ban Zuser, ban Schneiderwirt, ban Hudax, oder wia hiaz da Triebl is, überall is g’spielt wordn. Und gewöhnlich oana, zwoa, und då is hålt a drauf ånkumman, wenn hålt wo zwoa oder drei g’spielt håben, då san hålt nåcha schon mehr Leit g’wesn. Früaha wår des ånders. Früaha, då håben sie fåst ba jeden Wirt an Maibam g’håbt und überåll wåren Leit genug vül zan Aufstelln, die då g’årbeit håben und des ist heit ålls weg“.


Und zum „Spülleitzåhln“ weiß Schönbacher zu berichten:
„Na jå, es wår dåmåls, wånn aner då 3, 4 und 5 Schilling verdient håt, wår’s eh schon vül, wår’s scho a Gschicht, wånn er 5 Schilling verdient hat. Dåmåls wåren 50 g, 60 g Stundenlohn. Essen und Trinken håben sie g’håbt, des håt eana da Wirt miaßn zåhln, zum Teil håben die Gäst ‚s Getränk zåhlt“.

Ein in sich pulsierender Lebensstil

Ja – aus den Gedächtnisprotokollen ist viel zu erfahren. Es ist eben nicht nur die musikalische Seite zu beachten. Wir blicken dabei zurück und überspringen eine enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, finden Zugang zu einer anderen Lebensform und Arbeitswelt und zu einem für sich ab- und eingeschlossenen regionalen Lebensstil; der heute in seinen Resten noch vorzufinden ist. Franz Triebl hat nicht nur seine eindrucksvolle Repertoireverflechtung (vom überlieferten Jodler bis zum aktuellen volkstümlichen Schlager) aufgezeigt und dieses Tun und diese Veränderung aufgeschlüsselt. Er gibt mit Überzeugung dem Alten, Gemütlichen wieder eine Chance. Seine Worte:


„ Es is jå heit Gott sei Dånk, i siachs bei uns immer noch, dass ma heit scho wieder z‘ruckgreift auf‘s Ålte. I waß früher, vor zehn Jåhren, wenn ma ång‘jodelt håben, oder wås, håt der å Reahrn g‘måcht, den håt des går net interessiert, der håt wo ånderst hing‘horcht und heit is des å so, wånn‘s d‘heit wo ånsingst und es  passt ziemlich, des haßt also, es klingt net schlecht, dånn fångt der ane oder åndere schon ån die Ohrwaschln zum spitzen. Då siechst nåcha, speziell vom Podium åba kånnst des genau beobachten, es kummt wieder die g‘müatliche Zeit z‘ruck, wå früaha amol wår, weil sie fångan ån ‘s Aufpassen, und des håts in der Zwischenzeit net gebn. Najå, so in die 60er, 70er Jåhr wårn die schlechteren, wo ålso auf des überhaupt ka Wert g'legt wordn is. Heats auf mit eurem Raunlwerch, mir håben jå å Musikbox, då kummt's jå gånz toll aussa. Ålso i merk des mit meiner Gruppn genauso, dass des ålls derart ånkummt".

Schlussfolgerungen aus dem Erlebten

 „Dieser kleine Einblick in das vorliegende Material kann nur einen unvollständigen Eindruck vermitteln, Wichtigkeit und Ausprägung ländlichen, musikalischen Tuns unterstreichen. Nach Durchsicht der zahlreichen Protokolle und Belege aus der Vor-, Zwischen- und Nachkriegszeit entsteht für mich der Eindruck, dass damals das Bedürfnis nach Musik und Unterhaltung funktionierend befriedigt wurde. Auch wenn als starker Kontrast im gleichen Atemzug Not, Armut sowie Sorge um die Zukunft herauszuhören ist. In der Gegend um Übelbach finden wir in den ersten Nachkriegsjahren starke Hinweise auf besonders ausgeprägte Tanzfreudigkeit. Auch in anderen Regionen Österreichs war nach der entbehrungsreichen Kriegszeit – wie mir Prof. Walter Deutsch mitteilt – ein „Ausgehungertsein“ nach Tanzveranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen festzustellen, teilweise sprach man von einer „Tanzwut“.

 

Im Nachhinein und als Rückblick auf diese für mich nur in Dokumenten erlesbare Zeit komme ich zur Erkenntnis: die damals im Vordergrund stehende „Selbstversorgung mit Musik“ in einzelnen Talschaften, hatte auch konservierende Wirkung im positivsten Sinn. Beständigkeit von Melodien, Musizierstil und Lebenslauf, kurz „regionales Eigenleben“, ist auch heute noch, wo dies möglich ist – ausschlaggebend für ein „Wohlbefinden“. „Daheim sein“ gewinnt an Bedeutung. Und noch etwas: „Zusammenrücken“ steht für Leid und Freud gleichsam als Schlüssel des Ertragens.