Rückständig ist es, nicht zu singen!

 

 

Unsere Volkslieder sind allem ausgeliefert, der verächtlichen Ablehnung ebenso wie der verehrenden Umklammerung. Sie stehen heute im Spannungsfeld zwischen Weglassen – im Musikunterricht - und der Sucht, nur das Echte zuzulassen. Aber, sie überstehen spielend diese Gezeiten, sie haben den längeren Atem, deshalb heißen sie ja Volkslieder und nicht Hits. Zumal sind die alten Gesänge aber erstaunlich erfrischend und köstlich, wenn sie aus reiner Emotion aus Mund und Seele purzeln, nur dem Augenblick gewidmet sind. Volkslieder sind so gut, wie wir sie in unserem Leben einbauen können, sie sind ja zuallererst Lebens- und dann erst Genussmittel.

Und trotzdem bleibt der Begriff ein streitbarer, bleiben die alten Volkslieder Gegenpol zum Neuen und Innovativen. Versuchte Runderneuerungen stehen der Liedertradition entgegen, denn Tradition hat hier durchaus seinen tiefen Sinn: Neben aller Kreativität und Neuschöpfung, neben dem bemerkenswerten Variantenreichtum nämlich, sind Volkslieder immer auch ein Rückgriff auf sicheres Terrain, auf bewährte Melodiefolgen – auf musikalische Beheimatung. Sie entsprechen auch der Sehnsucht nach Entschleunigung und sind für viele Menschen Teil ihrer bewegten Lebensgeschichte. Das Wiedererklingen ist jeweils auch eine Entdeckungsreise in uns selbst, denn Lieder sind nichts anderes als klingende Bilder einer bereits erlebten Zeitspanne, sie leben von der Wiederholung und wir in ihnen.

Wer sich aber die Lieder seiner Eltern und Großeltern herüberretten kann - in sein eigenes Vermögen - und diese wieder an Kinder und Kindeskinder weiterzugeben versteht, verlängert sein Leben nach rückwärts und vorwärts - über sein Dasein hinaus. Lieder sind also gesund, Generationen übergreifend wirksam und Singen ist zugleich lehrreich, denn so manche gefühlsreiche Wortwahl kommt uns nur mit der Melodie über die Lippen. So manche alte Weisheit wird nur mehr gesungen erwähnt, weil die bloßen Worte den tiefen Sinn nicht fassen können, oder weil uns der Mut zu solchen Bekenntnissen fehlt. Ja, ohne Melodie ist `s oftmals nur die halbe Poesie….

Also: Das Volkslied ist ein Gedächtnis-Transportmittel, ein sicheres, denn sein Ablaufdatum ist nicht abzusehen, unseres schon.

 

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