Zum hundertjährigen Bestehen des Steirischen Volksliedwerks

Interview mit Hermann Härtel

 

      

steirische berichte: Das Steirische Volksliedwerk hat gerade erst sein 100jähriges Bestehen gefeiert. Die renommierte Zeitschrift „Der Vierzeiler“schlagzeilt aus diesem Anlass: „Kultur in Bewegung-Traditionen weitertragen“. Gibt es neue Themen?

Wir stehen für „Kultur haben“ und nicht sosehr für „Kultur konsumieren“, daher sind wir gefordert, immer wieder neue Zugänge zu schaffen. Die Vorwärtsgesellschaft tut sich heute schwer, ihre Freude an den Überlieferungen zu haben, also legen wir Einstiegshilfen. Unsere Themen sind stets darauf aus, die Eigenverantwortung zu stärken, als Servicestelle springen wir dort ein wo es gilt, Bedürfnisse wahrzunehmen.  Wir bringen die Kugel ins Rollen – das ist unsere Aufgabe. Das gilt etwa für unsere Schulaktion. Es ist doch beachtlich, dass wir jährlich über 30.000 Schulkinder für Lied, Tanz und Spiel begeistern können. Neu ist auch der „Mobile Tanzboden“ - einfach anhängen, mitnehmen, aufstellen, tanzen. Ein weitere neue Initiative heißt „Ohrase“ , wir engagieren uns für ein bewusstes und selektives Musikhören. Die Kennzeichnung beschallungsfreier Gasträume ist dabei nur ein erster Schritt. Lassen Sie sich überraschen…

steirische berichte: Eine große Breitenwirkung haben Sie schon vor Jahren mit dem Motto „Weihnachtslieder wieder selber singen“ erreicht. Das Büro für Weihnachtslieder ist vom Landhaushof in den Rathaushof gezogen. Wie wird sich der Standortwechsel bewähren?

Ohne auf die Vorteile des Landhaushofes einzugehen und unseren Auszug dort zu kommentieren: Wir nehmen an, dass uns die Leute auch im Rathaushof finden werden. Der virtuelle Besuch (weihnachtslieder@steirisches-volksliedwerk.at) aus der ganzen Welt ist ja ohnehin gegeben. Die persönliche Beratung in allen Fragen des Singens in der Familie ist eine besondere Serviceleistung und weltweit einzigartig.

steirische berichte: Im Haus Herdergasse 3 bietet der Internationale Liedersuchdienst eine Fülle von Diensten an. Wie groß ist der Zuspruch?

Das Büro für Weihnachtslieder ist sozusagen die Schwerpunktschiene im Dezember, der Liederdienst ist aber ganzjährig im Einsatz. Es ist ja beinahe paradox, denn man könnte annehmen, dass heutzutage schon alles gedruckt und verteilt, der Zugriff für jedermann garantiert ist. Offensichtlich bedarf es immer wieder der ersten Schritte zur Musik, die persönliche Zuwendung hat wieder mehr Wert. Wir merken, dass viele Menschen das Singen wieder selber in die Hand nehmen. Es dominieren die Einzelanfragen – auch weit über die Gattung Volksmusik hinaus. Mit dem Büro für Weihnachtslieder und anderen Serviceangeboten wie etwa zu Brauchtum und Veranstaltungskultur sind es jährlich zwischen 7000 und 9.000 Einzelerledigungen.

steirische berichte: Sie sind ein Forschungsinstitut, ein Archiv, veranstalten Lehrgänge und Begegnungen, verlegen nicht nur eine einzigartige Zeitschrift sondern auch regionale Liederbücher, es gibt den mobilen Tanzboden, das beinahe flächendeckende Engagement in den Volksschulen und jährlich etwa 700 Musikantenstammtische. Die Frage ist berechtigt: Wie ist das alles möglich und noch dazu in Topqualität?

Das geht, aber nur mit vollem Einsatz. Kompetent kann man nur sein, wenn man Volksmusik und Brauchtum im Leben kennt, systematisch archivieren kann und in der Vermittlung – praktisch und theoretisch – steht. Das ist ausschlaggebend, wobei eine Facette herauszuheben ist: Wir verstehen es, unsere Inhalte in Sprache und Bild zu verpacken. Ich habe dazu qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen diese schwierige Aufgabenstellung auch Freude macht. Vielleicht war Traditionspflege zu lange ein unbedingtes Muss. Heute leben wir in einer Zeit der unterschiedlichen Lebensentwürfe und Traditionen haben dabei ihren fixen Stellenwert.

steirische berichte: Ihr Weihnachtswunsch?

Die Gegenspieler einer erfolgreichen Kulturarbeit heißen Pragmatik und Routine. Sie mögen fern bleiben und es möge mir gelingen, die Spannung aufrecht zu erhalten. Dazu bedarf es einer Portion Narrenfreiheit und die habe ich bislang gehabt.

 

  

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