Für Marianne und Michael

Die Steiermark und die Volkstümlichen Musik

 

Unter Musik verstehen wir heute das breite Feld der Tonkunst, von der Konzertebene der großartigen Kunstmusik, dem Szenenleben des Jazz, dem Gemeinschaftsklang der Blasmusikkapellen und der Chöre, der Klangwolke Kaufhausmusik, den Programmen unserer Rundfunkanstalten, der gepflegten Volksmusik bis hin zur gelebten Musik bei Brauch und Feier, aber auch bis zu den Klängen jener populär gewordenen Volkstümlichen Musik, die für viele Menschen Beheimatung bedeutet.

 

Unsere Steiermark ist reich gesegnet mit allen Gattungen von Musik und die Steirer sind großzügig. Sie lassen auch den Versuch zu, sind innovativ, experimentell. Zuguterletzt ist das auch eine Form von Lebensqualität, wenn sich Kunstauffassung nicht verhärtet. Als Bespiele dieser großen Bandbreite nenne ich gerne die Styriarte, unser steirisches Musikfestival, aber auch die außerordentliche Qualität unserer Chöre und Blasmusikkapellen, ohne die das Leben in unseren Gemeinden um einiges ärmer wäre. Ich nenne aber auch jene Musikgattung, die nicht an vorderster Stelle zu finden ist, nicht im Rampenlicht steht: Die Volksmusik. Damit meine ich aber die Volksmusik als Lebensmittel. Das ist jene Musik, die erklingt, wenn wir besonders gut in Stimmung sind, wenn wir heiraten, wenn wir Geburtstag feiern, wenn wir in einer Almhütte verweilen, wenn wir ein Kind in den Schlaf singen oder aber jemanden am letzten Weg begleiten.

 

Das ist Volksmusik - wenn wir selber erklingen. Das ist aber auch eine Musik, die ihre Stärke nicht auf der Bühne beweisen kann, die wir einfach selber leben müssen. Und sehen Sie: Um diese Musik braucht uns nicht bange zu sein, weil sie nicht mit dem Markt und auch nicht mit den Förderungen aus öffentlicher Hand zu tun hat. Sie lebt auf Grund von Freiräumen, für die wir sorgen müssen, auf Grund eines leichten und fröhlichen Zugang zur Musik, der uns angesichts der Hochkunst oft schwer gemacht wird. Sie - die Volksmusik - geschieht aus eigenem Antrieb, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir die schönsten Augenblicke des Lebens selber in die Hand nehmen müssen.

 

Bleiben wir noch bei dieser Volksmusik: Freilich sind wir selber verantwortlich für die Weitergabe von Ritualen, für die Erziehung zum selber Erklingen. Die Schule hat hier die Rolle, das Werkzeug zu schärfen, einfach viel zu singen. Die Eltern haben aber die Aufgabe musikalisches Können in den Lebenslauf einzubinden. Das sind nun keine Über-Forderungen und ich verwehre mich dagegen, hier immer eine Volksmusik-Untergangsstimmung aufziehen zu lassen. Die musikalische Überlieferung, das „In den Mund legen“ von Liedern funktioniert auch heute noch ganz gut. Wir haben dieser Methode des Lernens von den Vorbildern und des Umsetzen von eigener Musikalität in den Augenblick, jedoch mehr Beachtung zu schenken. Ich berufe mich hier auf die Forschungsergebnisse des Steirischen Volksliedwerkes, das eine erstaunliche Vielfalt von gelebter Volksmusik nachweist und das mit seiner außergewöhnlichen Arbeitsweise es uns Steirern heute leicht macht, einen unbelasteten Zugang zu unserer Volksmusik zu finden.

 

Und das ist nun die Gelegenheit ein paar Worte zur Volkstümlichen Musik zu sagen, denn das Steirische Volksliedarchiv - übrigens eine Landesdienststelle - betreibt auch eine Forschungsstelle für die volkstümliche Unterhaltungsmusik. Als einziges Bundesländerarchiv haben die Steirer der engen Beziehung zwischen der traditionellen Musik und der heutigen Unterhaltungsmusik Rechnung getragen und auch diesem Bereich des kommerziellen und professionellen Musizierens eine Heimstätte gegeben. Das sind die Steirer - die Brücken schlagen, statt das Trennende zu verewigen. Wie nahe musikalische Verwurzelung und professionelle Volkstümlichkeit beieinander liegt, das beweist die Lebensläufe von Marianne und Michael.

 

Gestatten Sie mir noch einige Worte zum Phänomen „Volkstümlichkeit“. Nicht in allen Gesellschaftsschichten ist die Volkstümliche Musik beliebt und zuweilen ist deren großer Moderator sogar zum Feindbild ernannt worden. Schauen Sie: Kultur ist auch, wenn wir uns und andere verstehen, wenn unsere Lebensgefühle angesprochen werden und wir uns in Liedern und Texten wiedererkennen. Dass es an diesem Musikschaffen auch Kritik gibt, mag als positives Zeichen gewertet werden. Es ist vor allem ein Zeichen dafür, dass sie viele erreicht und dass viele Menschen überlegen, ob und warum sie diese Musik mögen. Machen Sie mir bitte nicht den Vorwurf der Beliebigkeit, des „alles gut Heißens“, denn ich mache die Verantwortlichen dieser Volkstümlichen Szene auch darauf aufmerksam, dass sie Verantwortung tragen, dass sie mit den Gefühlen von Menschen umgehen und dass kommerzielles Denken, Vermarktung von Heimatlichkeit immer auch einer Abstimmung mit grundsätzlichen Fragen der Fairness und des Anstandes bedürfen.

 

Es ist keine Frage, dass die Volkstümliche Musik einen enormen marktwirtschaftlichen Wert darstellt. Nicht nur dass die Musikgruppen heute mit den neuesten Gerätschaften ausgestattet sind, hängt damit auch ein enormer Aufschwung der Tonträgerindustrie zusammen. Viele der über 500 volkstümlichen Kapellen der Steiermark sind so wie Marianne& Michael im Ausland tätig und tragen ihren Teil zum Bekanntheitsgrad unserer Steiermark bei. Was seinerzeit durch Musikgruppen wie die Kapelle Kager, die Kernbuam, die Kapelle Brandstätter, die Oberkrainer und das Edler Trio begründet wurde, wird heute durch neue Formationen fortgesetzt. Ich nenne die Erfolge der Stoakogler, der Alpenrebellen und der Paldauer. Auch an dieser Aufzählung ist durchaus ersichtlich, dass die authentische Volksmusik mit der volkstümlichen Musik in enger Verbindung steht.