Die Moral von der Geschicht...

 

Fast würde man in die Gewohnheit verfallen, dem soeben Hervorgeholten, wegen seiner prickelnden Exotik, mehr als ein Stück Historie einzuräumen und der geradezu schlüssigen Moral zustimmen - einen Hauch von Nostalgie im Nacken. Sosehr nimmt einen Text und Melodie gefangen: Klare Worte, deutliche Bilder und grausige Folgen, so fahren sie vielstrophig mit geradezu leichtfüßigen Gsätzlmelodien ins Ohr.

 

Eindeutig: Die heutigen Schlagertexte lassen eine solche Erzählqualität vermissen. Minutenlang werden Banalitäten breitgesungen, zuletzt wird, als besondere Steigerung die Wiederholung der Wiederholung mit einer neuen Tonart ins Finale geführt. Zusammengezählt, hat sich der Satz „Wenn du bei mir bist, lacht mir die Sonne" zweiundzwanzig Mal wiederholt. Also mehrfach einfach...

 

Dem gegenüber muss man mit Bewunderung der pointierten Erzählkunst früherer Küchenlieder lauschen, die Strophe für Strophe für Spannung sorgt, eine Handlung aufbauen und die Ermahnungen im Refrain gleich mitliefern. Die Nähe von Lustbarkeit und Sünde, Neckerei und Tragik ist in jeder Lebensgeschichte zu finden: In der des Malerburschen, des Gärtners oder eben auch in der Lebensgeschichte der jeweiligen Gespielin. Ja, diese Nähe lässt sich auch auf das Heute übertragen...

 

Es sind also besungene und solcherart weitererzählte Geschichten, mit einer Prise Wahrheitsgehalt und viel Garnierwerk. Meisterwerke der Poesie und Dramaturgie. Leben, Lieben und Leiden sind die Hauptthemen, Mahnung und Moralpredigt folgen unweigerlich mit erhobenem Zeigefinger. Die Wiederholung des Refrains gibt uns gerade genug Zeit, um das in uns gerade entworfene Bild zu entwickeln, bevor die Handlung ihren weiteren Lauf nimmt. Unser Dekorationsdepot im Kopf verbraucht jede Menge Blut und Tränen.

 

Diese erzählenden Lieder werden in der Volksmusikforschung auch heute noch aufgefunden, haben aber die eigentliche Erzählfunktion verloren. Sie sind da und dort in Erinnerung geblieben, dienen als Unterhaltungsstoff aus der untersten Lade längstvergangener Zeit. Die enge Zweistimmigkeit des Vortrages aber ist dem Volksliedprinzip entnommen, Text und Melodie vermengen sich zu einer Einheit, vermitteln damit so etwas wie Wahrhaftigkeit, selbst wenn es sich bei der eben besungenen Geschichte um die Unglaublichkeit selbst handelt.

 

Eine schöne Sammlung an Moritaten und Küchenliedern, jede einzelne unterhaltend und köstlich. Auch als Ganzes, als  abendfüllendes Programm hinterlässt es den Eindruck wohldosierter Tiefsinnigkeit. Das ist sicherlich den beiden Interpretinnen zuzuschreiben, die es bestens verstehen, die Spuren dieser Kostbarkeiten aufzuspüren, sie auszuwählen und sinnvoll aneinanderzufügen. Für die Ernsthaftigkeit, mit der sie an die Sache herangegangen sind, ist ihnen zu danken. Handelt es sich doch um einen wertvollen Schatz der musikalischen Volksüberlieferung, den sie meisterhaft am Tablett servieren, ohne ihn mit dem heute üblichen Unterhaltungsschaum zu garnieren.