Die Notenschreibmaschine

Ein Stück Entwicklungsgeschichte der Notenschrift

 

    

Das waren noch Zeiten, als man sich eine wichtige Verpflichtung mit einem Knopf im Taschentuch „notierte“. Später benutzten wir das Notizbuch und dem folgten Diktiergeräte und schließlich elektronische Planer – Handholds genannt. Ob es sich übrigens um das eigene Merkvermögen, um ein Firmenarchiv, eine Bibliothek oder eine Sammlung handelt: Schon die Erfindung der Ordnungssysteme, das Anlegung von Katalogen etc. ist einer Dynamik des Fortschritts unterworfen und deshalb auch jeweils ein Stück Entwicklungsgeschichte, oftmals auch ein Stück „Technisches Museum“. Jedes Tonarchiv ist mit seinen Gerätschaften ein anschauliches Beispiel dieser steten Veränderung und Vergänglichkeit. Von der Wachswalze bis zur digitalen Aufzeichnung – der allerletzte Schrei technischer Errungenschaften ist demnach recht bald wieder verklungen. Die Entwicklung von Notenschreibhilfen ist dabei keine Ausnahme. Auch sie hat einen imposanten Werdegang, von der handschriftlichen Fertigung, dem handwerklichen Notenstechen bis hin zum digitalen Notensatz [1] Doch Halt! Das Steirische Volksliedarchiv besitzt ein kurioses Werkel: Eine funktionstüchtige Notenschreibmaschine. Bevor wir den hölzernen Deckel öffnen, ein paar Gedankenschritte zurück ins Jahr 1909.

 

Von Arnold Schönbergs Idee

Damals konstruierte Arnold Schönberg eine Notenschreibmaschine. Die Entwürfe zeigen des Komponisten Erfindergeist und seine mechanische Begabung. Ausgehend von der Grundkonstruktion einer Schreibmaschine war statt einer Papierwalze eine bewegliche Schreibfläche vorgesehen. Die Typenköpfe waren trapezförmig angelegt und konnten so dreifach belegt werden. Die flexibel handhabbare Schreibfläche und vierzig Tasten ermöglichten mit dieser Maschine immerhin 360 unterschiedliche Zeichen. Arnold Schönberg reichte die Patentschrift im Jahre 1909 ein [2].

 

Die Fa. „Wanderer“ schaffte die industrielle Fertigung

Schönbergs Idee blieb also auf dem Papier, während die Wanderer-Werke AG in Chemnitz in der Zwischenkriegszeit zahlreiche Errungenschaften in die Welt setzten. Das Unternehmen wurde von Johann Winklhofer, einem Mechaniker im Jahre 1886 gegründet und erlebte alle nur erdenklichen Höhen und Tiefen. Zugleich aber profitierte es vom industriellen Aufschwung dieser Zeit: 1886: Erfindung der Lochkarte durch Hermann Hollerith; Benz und Daimler entwickeln den ersten Motorwagen; 1887: Es läuft das erste Plattengrammaphon von Emil Berliner; 1893 dreht sich Rudolf Diesels erster Motor.

Winklhofers Firma erzeugte zuerst Hochräder, später Niederräder und Fräsmaschinen, ebenso aber Motordroschken die er „Wanderermobil“ nannte. Bereits um 1900 dachte er an die Produktion von Schreibmaschinen, der Fahrrad-Boom hielt ihn aber vorerst davon ab. Und schließlich: 1936 zählten die Wanderer-Werke bereits 7000 Mitarbeiter und entwickelten in dieser Zeit die ersten Buchungsmaschinen (sie konnten senkrecht addieren und quer saldieren) und Registrierkassen. Man schrieb das Jahr 1937, Wanderer war damals der größte Fräsmaschinenhersteller der Welt, Europa stand vor dem Zweiten Weltkrieg, das Luftschiff „Hindenburg“ verbrannte in New York und die Wanderer - Notenschreibmaschine wurde geboren.

 

Ein offenbar fortschrittliches Volksliedarchiv

Wie mir meine Vorgängerin im Volksliedarchiv, Frau Dr. Gundl Holaubek-Lawatsch mitteilt, hat sie die äußerst stabil gebaute Notenschreibmaschine schon zu Zeiten ihres Amtsantrittes als Inventar Nr. 1 übernommen. Es handelt sich um ein auf Typenkorb- und Walzenfunktion aufgebautes System. Auf dem schwarzen Gehäuse befindet sich ein Firmenschild des Grazer Schreibmaschinenhändlers Kurt Fritsche, auf der Blattstütze die Modellbezeichnung CONTINENTAL sowie das Firmenzeichen „Wanderer Werke Siegmar-Schönau“. Im rückwärtigen Gestänge ist die Seriennummer 4026169 eingeprägt.

 

Die Funktionen der Maschine 

Mit insgesamt 45 Tasten können 135 Zeichen geschrieben werden. Die einzelnen Typenköpfe sind viel länger als bei einer üblichen Schreibmaschine, denn sie enthalten jeweils drei verschiedene Zeichen, so etwa die Zahl 5, den Violinschlüssel und das Alla breve - Zeichen. Ein anderer Typenkopf vereint den Buchstaben b das Fermatezeichen und die Achtelnote u.s.w. Die obligate Umschalttaste zur Groß- und Kleinschreibung ist um eine weitere Schaltstufe erweitert, so kann das dritte Symbol des Typenkopfs zu Papier gebracht werden. Etwa 15 Zusatzhebel und Funktionstasten übernehmen Sonderaufgaben: So regelt ein eigener Stellbügel den Einschlag eines Notewertes auf der Notenskala. Die Notenzeilen können auf dieser Maschine selbst hergestellt werden. Mit einem eigenen Typenkopf erzeugt man mittels hintereinander erfolgten Anschlägen die Notenzeile je nach gewünschter Länge. Ich wähle also eine Achtelnote auf der Tastatur und die Tonhöhe am Zusatzhebel und schon landet der Notenkopf an der richtigen Stelle. „Klapp“ macht die Maschine und ich lausche dem ungewohnten Ton. Immerhin handelt es sich um ein Geräusch, welches längst ausgestorben ist.

Wer wohl eine solche Maschine benutzt haben wird? Die Übertragung von etwa 30.000 handschriftlichen Belegen des Steirischen Volksliedarchivs in den maschinell geschriebenen Satz ist nur als Idee vorstellbar, nicht aber als praktische Umsetzung. Vielleicht war an das Transkribieren oder gar Komponieren gedacht? Es muss ernstlich angezweifelt werden, ob ein Komponist, während er ganz und gar mit der komplizierten Abfolge der Anschläge beschäftigt ist, überhaupt noch an Musik denken konnte.

Meines Wissens wurde die Maschine nie benützt, es befindet sich dafür kein einziger Beleg im Archiv. Dass es diese Maschine bei uns gibt, zeigt aber, wie sehr sich unsere Vorgänger für die Modernisierung des Unternehmens Volksliedarchiv eingesetzt haben. Mancher Fortschritt allerdings wird – wie in diesem Falle - vom Laufschritt der nächsten Errungenschaft eingeholt.

 


[1] Monika Kornberger. Gestochen scharf. Vom Notenstecher zum Computerspezialisten. In: Der Vierzeiler 21. Jahrgang Nr. 1, Graz 2004, S.24-27
[2] Siehe: Arnold Schönberg Center, Wien

 

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