Was macht das Jugendorchester so attraktiv?

Impuls - Gemeinschaft - Leistung

 

   

Die Frage ist - wenn wir mit Allgemeinplätzen aufwarten - schnell beantwortet: Gerne berufen wir uns auf die allumspannende Weltsprache Musik oder nennen das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, in deren Schoß sich junge Menschen entwickeln können. Oft genug beziehen wir uns auf die heutige Zeit, die, weil sie so herzlos und schlecht ist, ein Vakuum entstehen und Jugendliche ganz von selber zur Geige greifen lässt. Das ist doch eine gewagte These?

Es sind drei Argumente, die gar nicht so daneben liegen. Aber trifft dies nicht auch für andere Bereiche der Jugendarbeit zu, für das Theaterspielen, Bergsteigen und ebenso auch für den Sport? Was macht also Orchestermusik so attraktiv, dass  Jugendliche das Tasten nach den Tönen, das Suchen nach dem richtigen Bogenstrich und das Konzentrieren auf den Gesamtklang zum Freizeitinhalt erheben?

 

Ermunterung und Impulse

Nicht immer, aber meist stehen hinter jungen Orchestermitgliedern interessierte Eltern, denen es ein Anliegen ist, ihren Kindern mehr abzuverlangen als im Wort "Spaß" inbegriffen ist. Immer aber bedarf es für ein Jugendorchester der emsigen Musiklehrerinnen und -lehrer, die das frühe Eingliedern ihrer Schützlinge in ein Orchester als hohes Ziel sehen. Dem Dirigenten kann man gleich einmal unterstellen, dass er mit Leidenschaft an die Sache geht. Kinder und Jugendliche brauchen da vorne einen Menschen, der für die Botschaft steht: Ich mag Euch und ich will Euch zu einem besonderen Menschsein hinführen.

 

Die Faszination der Gemeinschaft

Die heutzutage ausgeprägte individuelle Selbstverwirklichung ist nur deshalb auszuhalten, weil sie dann und wann zu einem Umkehrschwung führt. Es gibt nämlich eine mächtige Sehnsucht, Erlebnisse und Erfahrungen zu teilen, gleichsam als Ausgleich zu der virtuellen Welt, in der Kinder heute ebenso zuhause sind. Gemeinschaften zu bilden entspricht einem uralten Traum vom Aufgehobensein. Das ist die Welt, in der elementare Erfahrungen erprobt werden.

 

Das Spannungsfeld zwischen Lust und Leistung

Die Forderung nach Leistung ist nicht gerade beliebt, sie aber durch das Spiel zu erreichen – besser: spielend zu erreichen – ist gleichsam ansteckend. Einmal erlebt und Applaus erhalten, ist mit der ersten Bezwingung eines Gipfels zu vergleichen. Die eigene Leistung lässt uns erstaunen und dieser Erfolg verändert unsern inneren Kampf zwischen Investition und Ergebnis. Fazit: Leistung lohnt sich.  ´

Das ist aber noch nicht alles: Im Jugendorchester mitzuwirken bedeutet auch Selbstdisziplin zu üben, sich dem Ordnungsprinzip unterzuordnen, aufeinander zu hören und sich in den kleinsten Nuancen einig zu werden. In anderen Bereichen des Lebens muss mit Verordnungen, Weisungen und Vorschriften vorgegangen werden, um ein Chaos abzuwenden. Im Jugendorchester werden die Grundregeln des Lebens immanent gelebt und geübt.  

Ich bewundere stets die Jugendlichen, die mit ihren Geigenkoffern und Cellikästen zur nächsten Probe unterwegs sind. Da gibt es auch Motivationskrisen, Rückschläge und wahrscheinlich auch so manche Rüge einzustecken. Vom verbogenen Notenständer und dem zerbröselten Kolophonium ganz abzusehen. Üben und wieder üben. Beinahe jedes Kind wollte den Bogen schon einmal aus der Hand legen. So mancher Elternteil hat mit seinen Ermahnungen schon einmal den Bogen überspannt. Zuletzt aber sind alle Hürden genommen und die Ernte kann eingefahren werden: Ein Teil des Orchesters zu sein, zusammen mit vielen Freundinnen und Freunden, die Finger mit Bestimmtheit an die richtige Stelle setzen und den Bogen mit Bravour zu führen. Mit einem Auge bei den Notenköpfen, mit dem anderen vorne beim Dirigenten, alle Sinne aber am verschlungenen Klangbild. Das läst uns der Welt der großen Meister nahe sein und uns ein für alle Mal empfindsam machen für die feinen Töne, die uns das Leben auch außerhalb der Musik bietet.

 

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