Wozu gibt es Liederblätter?

 

 

Feigenblätter und Liederblätter haben kaum etwas gemeinsam. Liederblätter können - wie unsere Collage zeigt - durchaus die Aufgabe von Feigenblättern übernehmen. Aber umgekehrt? Feigenblätter haben eben keine Notenzeilen, sind für's "Schamhaft verbergen" geschaffen und nebenbei eigentlich nur Blätter. Nur Blätter? Sie sind die kleinen Lungen und bezaubernde Veränderer der Landschaft, verhelfen uns zu besonderen Ansichten unserer Umgebung, sind Verdecker und Verdunkler sowie Lieferanten kühler Erholung und eines tausendfach abänderbaren Grüns. Wenn sie dann gefallen sind, rascheln sie unter den Füßen und geben durch ihre Abwesenheit in den Baumkronen den Blick frei auf bis dahin verborgene Ansichten. Blätter sind Teile von großen Zusammenhängen.

 

Liederblätter sind Botschaften

Liederblätter sind die Fragmente eines unüberschaubaren Liederschatzes. Und sie verkünden eine stete Auseinandersetzung und Sammeltätigkeit. Darin unterscheiden sie sich auch von Liederbüchern, die als Veröffentlichung eines angesammelten Materials bezeichnet werden können. Liederblätter sind Botschaften, Abbild des Zeitgeschmacks, auch Spiegelbild der Herausgeberseele, der mehr oder weniger ernsthaften Hinwendung zur Wechselbeziehung zwischen den Menschen und ihren Liedern.

 

Die alte Tradition der Österreichischen Liederblätter

Das steirische Volksliedwerk setzt seit 1982 die Tradition der "Österreichischen Liederblätter" fort. Unsere Ausgaben dienen der Liedvermittlung ebenso wie der Kontaktnahme mit unseren Mitgliedern und Freunden und der respektvollen Zuwendung zur Vielfalt des Liedgebrauchs in unseren Tagen. Durch die Vielfalt an Autoren wiederum, hat unser Liederblatt so manchen Wandel durchgemacht. Da waren pädagogische Ansätze gepaart mit der Hinwendung zu neuen Liedschöpfungen, Liedfolgen zum Jahresbrauchtum und Repertoireauswahl von Chorgemeinschaften gleichermaßen anzufinden. zuletzt haben wir vermehrt den Liedschatz von Traditionsträgern vorgestellt. Diese Liedauswahl erfüllte nicht immer musikpädagogische Ansprüche und schon gar nicht jene Kriterien, um im Chor gesungen zu werden.

 

Der vielfältige freie Liedgebrauch

Wir erfüllen damit aber die eigentliche Aufgabe des Steirischen Volksliedwerkes, nämlich eine fruchtbringende Verbindung zwischen Forschung und Pflege herzustellen. Nach wie vor verzeichnen wir einen regen Liedgebrauch in der Bevölkerung, einen instinktmäßigen Umgang mit der musikalischen Überlieferung. Es sind dabei weder Musikausbildung noch pflegerische Intentionen im Spiel. Ein roter Faden klingender Überlieferung zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten - ohne Notenkenntnis, ohne Stimmgabel und ohne Gütesiegel wie "echt" oder "volkstümlich". Dieser vielfältige und freie Liedgebrauch ist unser größtes Anliegen. Auf ihn kann in der Musikausbildung nur im Respekt hingewiesen werden, denn: Mit Liedern leben kann kein Unterrichtsgegenstand sein - es erfordert ein gewisses Maß an Lebensumfeld, Nachbarschaft, Familie - ein Eingebundensein in einen gesellschaftlichen Ablauf und in den Ablauf des Jahres mit all seinen Festen.

 

Gibt es eine falsche und eine echte Sentimentalität?

Unsere Liederblätter sind daher nicht nur Liedvermittler, sondern fordern auch auf, Toleranz zu üben gegenüber anderen Vorlieben, anderen Lebensinhalten und Sehnsüchten. Der Hintergrund eines so reichhaltigen Archivs, der vielen wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Volkslied und der Einblick in die gegenwärtige Liedlandschaft Steiermark ermahnen uns zu einem gewissenhaften Umgang mit den Liedern. Wir unterscheiden nicht zwischen falscher und echter Sentimentalität und lachen nicht über Heimatlieder oder besungene Wildschützenromantik. Immer stehen dahinter Menschen mit einem besonderen Bezug zur Melodie und zu den Texten und immer zeigen sie damit eine beachtenswerte Freiheit im Umgang mit Musik, so wie sie sich auch für zwei oder einen oder gar keinen Gartenzwerg in ihrem Blumenbeet entscheiden dürfen.

 

Die größeren Zusammenhänge suchen…

Den Lesern des Vierzeilers bieten wir wiederum einen vielseitigen Einblick in unser Thema, aber auch in unsere Arbeit. Die Jahreswende gibt Gelegenheit, an dieser Stelle meinen zahlreichen Mitarbeitern zu danken. Es sind nicht nur Fortschritte in den einzelnen Abteilungen zu verzeichnen, der weitere Ausbau des Volksliedarchivs zu bewundern, sondern es ist vor allem jene inhaltliche Entwicklung zu beachten, durch die wir innerhalb Österreichs eine führende Rolle einnehmen. Wir wissen sehr wohl, dass Volksmusikpflege nach wie vor auch nach dem alten Muster gestrickt wird. Unsere Aufgabe ist es, größere Zusammenhänge herzustellen, unsere Erkenntnisse anderen mitzuteilen und in eigenen Initiativen umzusetzen. 

Zurück zum Titelthema! Die Lösung heißt: Liederblatt ohne Feigenblatt. Wir bewahren uns den Mut, Ungewöhnliches und Unbequemes zu veröffentlichen, verwahren uns vor jeder Verklärung der Volksmusik, unterstützen die individuelle Gestaltungskraft und erhoffen uns vom Liederblattbenützer die sensible Zuneigung zum Liedbesitz der anderen.