Das Heimatlied

 

 

Auf was für ein umfassendes Thema haben wir uns da eingelassen - was haben wir uns da eingebrockt? Das Heimatlied - picksüßes und sentimentales Machwerk? Realitätsfremder Hymnus an die gute alte Zeit? Kritikloses Nachplappern von musikalischen Phrasen?

 

Jedem sein Frühstückshäferl

Unsere Absicht ist es, Verständnis zu wecken, für einen besonderen Typus unter den Liedgattungen.[1] Für die Mitarbeit an dieser umfangreichen Darstellung ist zuallererst den Autoren zu danken: Dr. Gerlinde Haid, Dr. Elisabeth Katschnig Fasch, Herbert Krienzer, Andreas Safer, Josef Hutz, Dorli Draxler, Hildegard Nagy. Sie alle haben ihren besonderen Bezug zu Heimatliedern - von der wissenschaftlichen Betrachtung und Analyse bis hin zu den persönlichen Gefühlen eines "Liedbesitzers". Der Bezug des Besitzers zu seinem nur regional wirksamen Lied - übrigens auch zu seinem Frühstückshäferl - ist wohl das wesentlichste Detail im Zuge einer Beurteilung der Lieblingsdinge des anderen. Musikalische Gefühlsausbrüche müssten demnach ebenso legitim sein wie deren Verunglimpfung durch jene, die in die Gefühlswelt des anderen keinen Einblick haben.

 

Der musikalischen Gefühlswelt Aufmerksamkeit schenken

Nun, die Verbreitung von Heimatliedern, Hymnen an Orte, Täler, Almen wird vielfach unterschätzt, deren Bedeutung gerne verschwiegen. Es gibt für den steirischen Bereich auch keine Zusammenfassung, wie sie in Niederösterreich Josef Buchinger (360 Heimatlieder und Ortshymnen) [2] vorgelegt hat. Die Liederwünsche aber, die an das Steirische Volksliedwerk herangetragen werden (jährlich etwa 800 Einzeltitel) [3] beweisen Beliebtheit und Bedeutung. Als Vermittler von Liedertexten, als Institution zur Förderung musikalischer Eigeninitiative stellt sich das Steirische Volksliedwerk gerne auf die Seite der Heimatlieder-Sänger: bestärkt sie in ihrem Tun. Es gibt mehrere Gründe dafür, warum wir dieser musikalischen Gefühlswelt Aufmerksamkeit schenken:

 

1.      In unserem Volksliedarchiv wird zwar sortiert aber nicht aussortiert.

 

2.      Im "Absingen" dieser "Bekenntnislieder" finden wir die funktionelle Gebrauchsrolle, die uns im Bereich der Volksliedpflege kaum mehr begegnet.

 

3.      Mit der Verurteilung von Heimatlieder-Texten muss man vorsichtig sein. Bei dieser musikalischen Praxis handelt es sich ja um eine Rückblendung - ein Leben im gewohnten Klang. Dieser Eigengebrauch - vor allem aber die Texte sind zu hinterfragen - wenn sie aus der unmittelbaren Gebrauchswelt herausgenommen und bühnenhaft präsentiert wird.

 

4.      Durch die alleinige Beurteilung der Texte verlieren wir den Blick für das Gesamtwerk. In der Melodie selbst liegt bereits ein Teil der klingenden Heimat. Der Text ist somit Transportmittel für ein musikalisches Ritual, dessen Bedeutung auch im unverkennbaren, gewohnten Klangbild liegt.

 

5.      Heimatlieder beinhalten positive Aussagen, die meist nicht den Ist-Zustand, sondern die Wunschvorstellung oder die "Es war einmal"-Variante beschreiben. Solche Texte entstanden nicht in Zeiten rosiger Zustände, (wann war das der Fall?) verpacken aber die kleinen Freuden des Daseins. Musik ist hier gleichsam die Bedingung für den Transport nach aussenhin erkennbarer Äußerungen. Zu jeder Zeit waren Alltagsprobleme zu bewältigen und sind Zustände erlitten worden. Musik ist hier ein "Über die Dinge heben" und diese sollte nicht als sinnlose klischeehafte Abwendung von der Wirklichkeit gehandelt werden. Wir sollten uns eigentlich fragen, wie selten wir Einblick in die Bezugsgefühle des anderen gewinnen. Eigentlich schade...

 

Gefühle, Verehrung, Übertreibung

Und zum Schluss: Das Gesagte gilt für historisch-musikalische Schöpfungen im Volkslied genauso, wie für die gegenwärtigen sentimentalen Songs der Liedermacher- und Folkszene. Dieser Vierzeiler ist ja auch ein Beweis dafür, dass Neuschöpfungen inhaltlich kaum vom altgewohnten Heimatliedklischee abweichen. Es wäre also schade, wenn die Akzeptanz musikalischer Werke (allzu gerne beim Volkslied) erst dort beginnen dürfte, wo Gefühle, Verehrung, Übertreibung nicht vorkommen. Wer liebt und das ist wohl auch das rechte Wort für den Ursprung von musikalisch-poetischen Zuwendungen - für den sind seine Heimatlieder wie Nachbarn: Sie sind unverwechselbare Umgebung.

 


[1] siehe auch: W. Deutsch, "Das Heimatlied" in: Der Niederösterreicher 111/90 S. 5 - 10

[2] Archiv des NÖ Volksliedwerkes INR. 1727 a.b.

[3] Über die seit 1987 gesammelten "Anforderungsbögen" - die Sammlung aller an das Steirische Volksliedarchiv gerichteten Liederwünsche - steht noch eine genaue Analyse aus.