Zum Thema Volkspoesie

 

 

"Poesie" - das Wort erinnert mich sogleich an die in meiner Schulzeit herumgereichten Stammbücher. Die erste Freundschaft wurde hier festgeschrieben, mit Worten untermauert - meist waren es Reime der bewährten Dichter und Denker. Wir selbst haben gerne "zur lieben Erinnerung an Deinen Schulfreund..." hinzugefügt.

 

Liebensgefühle nehmen einem Atem und Sprache

Ja, das ist die Zeit des Kennenlernens der beschaulichen Seite unserer Sprache, die man umso mehr schätzt, sobald die ersten Liebesgefühle einem Atem und Sprache rauben. Solcherart Sprachlosigkeit kann dann in einen Wortschwall - einen geschriebenen - ausarten: Worte fließen aus der Hand, entwickeln Eigengesetzlichkeit und entgleiten uns. Gefühle und der vorhandene Wortschatz einigen sich auf eine Formulierung. Da entsteht zumal ein süßes Eingeständnis, das wir uns nie auszusprechen gewagt hätten, wenn uns die Vordenker und Vordichter nicht auf den Geschmack gebracht hätten, wenn es sich gelesen nicht so viel schöner anhören täte, als nur gedacht. Wir beschenken uns ja auch mit kleinen Büchern, Sammlungen mit Sinnsprüchen, finden darin Trost und Erbauung und erwählen manch treffende Worte zum Wandschmuck - als Wahlspruch fürs Leben.

 

Jeder Ort hat seinen Reimschmied

Rundum Poesie und Poeten - vom begnadeten Schreiber bis zum ebenso begnadeten Sprücheklopfer, mit eingeschlossen alle jene, denen Gedanken im Kopf sitzen und diese wieder verworfen haben. Jeder Ort hat seinen Reimschmied, jede Familie einen Erzähler. Da tut sich ein Arbeitsgebiet auf, ein interessantes noch dazu. Dass das Aufsammeln von Volksdichtung eine der statutenmäßig verankerten Tätigkeiten unseres Vereines ist, wurde durch die Dominanz des klingenden Teiles unserer Arbeit etwas vernachlässigt. Dieser Vierzeiler ist nun Zeuge einer neuen Beschäftigung mit dem Thema. Interessant ist, dass sich bei der Aufsammlung von Volkspoesie manche Erfahrung mit unserer Volksmusik-Sammeltätigkeit deckt. So hält sich überlieferter Volksgesang kaum an ästhetische Grundsätze der Bildungsschicht und schon gar nicht an Begriffe wie "echt" oder "volkstümlich". Für den Großteil der Volkspoeten steht der innere Auftrag und Anlass vor einer Überlegung der Veröffentlichung.

 

Das bewegte Innenleben niederschreiben

Gesang, Musik und Dichtung sind zuallererst Spiegelbild eines bewegten Innenlebens, so meine ich. Das verdient unsere Aufmerksamkeit, ja sogar die Widmung einer ganzen Ausgabe unserer Zeitschrift. Erwin Klauber beschreibt seine Gedanken zur zeitgemäßen Mundartlyrik und Hubert Lendl berichtet uns von erlebter Volkspoesie, beschäftigt sich aber auch mit dem Thema Volkspoesie und Heimatdichtung. Der Einblick in die Aktivitäten des "Bundes Steirischer Heimatdichter" stammt von Franz Holler. Franz Deimbacher wiederum bietet eine grundsätzliche Gliederung der Volkspoesie an, wie Ernst Huber seine Faszination der Textwerdung vor uns ausbreitet. Eine Sammlung mit Haussprüchen stellt uns Maria Kundegraber zur Verfügung. Franz Steiner wiederum umreißt seine schwierige Aufgabe, unsere Poeten im Rundfunk zu Wort kommen zu lassen. Schließlich rundet unser Mitarbeiter und Betreuer des Projektes "Volkspoesie" Viktor Safer mit einem Zwischenbericht das Thema ab und Karl Mittlinger zeigt seine "Freude am Schreiben" mit einem gleichnamigen Aufsatz, der uns in die Welt des Wortschaffens entführt.

 

Welcher Nährboden veredelt die Sprache?

Eine beachtliche Überschau ist's geworden, wenngleich das Thema damit nicht abgeschlossen sein kann, schon gar nicht "abgehandelt". Es bleibt die Frage offen, welcher Nährboden Sprache veredelt, sie zu einer unwiederholbaren und unverkennbaren Äußerung werden lässt. Wir stehen bewundernd vor der Sprache, die Bilder ersetzt, sie belächelt, hervorhebt, heraufbeschwört. Poesie liegt aber auch im Bild selbst, im Reim der Konturen, in der klaren Anordnung der Dinge, im visuellen Erleben, das Gedanken anregt und zum Wort formt.....