Mit ohne Noten

 

 

Ehrlich gesagt: Das Kommando „Zweimal mit und einmal ohne“ ist an Klarheit nicht zu überbieten. Jeder Gastronom weiß, was gemeint ist. Auch das gebräuchliche „Mit ohne“ wird in dieser Branche niemals mißgedeutet. Und doch: Die verbalen Luftmaschen werden belächelt und sogar als Versprecher gehandelt. So quasi: “Mit ohne“ darf es nie nicht geben. Womit also bewiesen wäre, dass dem kein Einzelfall ist. Ich persönlich reiß mich um solche sprachlichen Finessen. Das umso mehr, als sie, die Außenseiter der Sprache, aus jedem Buch verbannt werden. Das macht sie erst recht zu Leckerbissen.

 

Sprachliche Leckerbissen gefällig?

Da gibt es Leute, die umgekehrt zurückreversieren oder zwecks zu wenig mangelnder Beweise freigesprochen werden. Als besonders eingebürgert kann man das „Fernsehen schauen“ bezeichnen und, um wieder zur Gastronomie zurückzukehren: Wenn der Hunger groß genug ist, kann man sogar ein ganzes halbes Henderl essen. Zurück aber zum Thema: „Mit ohne Noten“ zu spielen bedeutet eben nicht, deshalb die schlechtere Musik zu machen, als es jene tun, die ohne „mitohne“ auskommen. Diese wiederum sollten sich nicht als die alleinigen Könner bezeichnen, weil sie gedruckte Vorschriften und Regeln beachten. „Mitohne“ – Fanatiker brauchen sich wiederum nicht einzubilden, dass nur sie die wahren Künstler sind – viele kommen ja zwangsweise „mitohne“ aus, weil sie mit den schwarzen Notenköpfen nichts anzufangen wissen.

 

Bitte keine Komplexe

Mit oder ohne oder eben „mitohne“. Wer singt oder spielt, soll wissen, dass vorhandene Aufzeichnungen eben nur die Wiedergabe oder das Notenbild der erklungenen Variante sind. Die gehörte oder gelesene Fassung ist deshalb nicht minder ernst zu nehmen. Persönliche Gestaltung und Färbung, kurz, die eigene Interpretation des vorhandenen Werkes sollte jedoch nicht über der musikalischen Idee stehen und so die Melodie als musikalische Gestalt überlieferbar belassen. Wie war kürzlich erst in einem Kriminalroman vermerkt? „Es war ein klassischer Bankeinbruch im Stil der Zwanzigerjahre, trug aber trotzdem deutlich die Handschrift des berüchtigten X.Y.“. Der Vergleich sei mir verziehen.

 

Kleine Orientierung auf der Spielwiese

Unser „Vierzeiler“ hat damit ein vielschichtiges Thema aufgegriffen. Die ausgewählten Beiträge sollen die Sicht erweitern und eine Auseinandersetzung fördern. Das Steirische Volksliedwerk selbst bestätigt als Prediger und Förderer der schriftlosen Überlieferung einerseits und als Sammler, Bewahrer und Herausgeber von Notenmaterial andererseits das uneingeschränkte Bekenntnis zum Naheverhältnis zwischen Aufzeichnen und Aufmerken. Wir beobachten heute einerseits eine zunehmende Vereinheitlichung musikalischer Aussagen, einen Mangel an personeller Note. Und – auf der anderen Seite eine Fülle an Neuschöpfungen mit mangelnder Orientierung an der lebendigen Überlieferung. Eine Begegnung mit den Vorbildern täte uns gut! Kein Notenblatt kann erlebte Musik so gut notieren, als wir selbst im aufmerksamen Gegenüber.