Selbstträger und Tonträger

 ... eine Satire

   

 

Zuerst zur Begrifflichkeit: Selbstträger – auch Direktträger-  nennt man diejenigen Reben die ohne Veredelung edel genug sind und der Reblaus widerstehen können. Tonträger nennt man mechanische und elektronische Speicher von Sprache und Musik. Warum aber treffen sich die beiden Träger in der Musikantenzeitung?

 

Der Wein und der Mensch

Was die Volksmusik betrifft, so sind Melodien-Selbstträger eben nicht resistent gegen allerlei schlechten und mitunter auch guten Einfluss. Nein, gerade dieser Wildwuchs macht sie so wurzelecht und lässt sie Schritt für Schritt ihrer eigenen Veredelung zustreben - oder auch verwildern. Der Selbstträger-Wein – im Burgenland „Uhudler“ genannt – hatte früher einen schlechten Ruf, denn der Methylalkohol soll zu Geisteskrankheit und Blindheit geführt haben. Erst seit 1992 ist dessen Vermarktung legalisiert. Die Lieder-Selbstträger hingegen sind zu allen Zeiten ohne Einschränkung zugelassen und klaren Geistes gewesen. Volksliedforscher stellen immer wieder deren Widerstandsfähigkeit fest und machen großes Aufheben um die entdeckten Exemplare.

 

Veredelung und Urwüchsigkeit

Von Lieder-Selbstträgern werden aber nur in seltenen Fällen Tonträger erzeugt. Wir sagen dann  Dokumentation dazu, weil Selbstträger eben nicht für den Tonträgermarkt veredelt sind, sondern wie Edelsteine nur aus der Nähe funkeln. Die meisten im Handel erhältlichen Tonträger beinhalten schon längst veredeltes – bis zur Unkenntlichkeit veredeltes - weit weg eben vom Selbstträger und da braucht es die Nähe und den köstlichen Augenblick nicht mehr. Für mich ist der Mensch selber der beste Tonträger, um vieles köstlicher und edler als jede funkelnde Scheibe. Die Energie für dieses Weitertragen von Traditionen schöpft der Mensch ja offensichtlich aus seiner Vergänglichkeit. Die Lieder-Selbsttonträger haben eine der edelsten Aufgaben.

 

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