Der Durst nach Unterhaltung 

Das Gasthaus: Der wichtigste Kommunikationsmittelpunkt - ist auch Brutstätte für Musik und Poesie.

 

   

Wenn es der Schauspieler Hans Moser gewesen wäre, man würde es seiner besonderen Interpretation weinstimmiger Lieder zuschreiben. So war es aber der Musiktheoretiker Franz Eibner (1914-1986), der es schlicht und einfach auf den Punkt brachte: „Das Wirtshaus ist die Hochschule der österreichischen Volksmusik“. Damit war die rührselige Geschichte einer verdienstvollen Volksliedpflege, die Bedeutung von immer mehr Volksmusiksendungen und ebenso das Ansinnen, pädagogische Maßnahmen könnten das singende Abendland retten, in Frage gestellt.

 

Die ganze Welt zurechtrücken...

Das Wirtshaus ist aber nicht nur die Hochschule der Volksmusik sondern der zentrale Umschlagplatz für wahre und erfundene Geschichten, für Gerüchte, Witze und eben auch für Lieder. Es ist gleichermaßen die Brutstätte der Verleumdung wie die Einsatzzentrale der Nachbarschaftshilfe. Während Heimatmuseen, Heimatbücher und Liederbücher nur festhalten, ist die Wirtshausunterhaltung dazu angetan, Erinnerungen und Sehnsüchte zu verweben, die ganze Welt augenblicklich für sich zurechtzurücken.

Franz Eibners Behauptung ist übrigens durch historische Aufzeichnungen in unseren Volksliedarchiven ausreichend dokumentiert. Überraschend ist aber, dass die musikalische Wirtshausunterhaltung bis in die Gegenwart eine große Rolle spielt. Nein, die Anzahl der produzierten Tonträger, der flächendeckende Volksmusikunterricht, die vielen Volksmusiksendungen und ausverkaufter Volksmusikabende sind eben kein Garant für eine dynamische Entwicklung von Volksmusik. Es sind vielmehr die Begegnungen in Geselligkeit und die Schnittstelle zwischen Musikerzeugung und Unterhaltungswert, die eine freie Entfaltung der Musikalität garantieren.

 

Die „Musikkulinarische“ Spezialität

Das Gasthausmilieu birgt also eine musikalische Dimension. Aus dieser Erkenntnis heraus hat das Steirische Volksliedwerk ein Prinzip gemacht und innerhalb der letzten 25 Jahre ein Netz von musikantenfreundlichen Gaststätten aufgezogen. Beabsichtigt war, die Volksmusik wieder mehr leben zu lassen, ihr wieder einen Stellenwert als Gebrauchsmusik zu geben, nachdem sie in den Siebzigerjahren eine Erstarrung durch Bühne und Studio erfahren hatte. Die Rechnung ist aufgegangen: Mit jährlich etwa 650 Zusammenkünften in 125 musikantenfreundlichen Gaststätten ist nicht nur dem Bedürfnis nach musikalischer Geselligkeit entsprochen, sondern auch eine beachtliche Vielfalt und freie Entwicklung von Volksmusik möglich geworden. Diese Form der Verlebendigung ist nach und nach auch in allen anderen Bundesländern und im benachbarten Ausland übernommen worden.  Musikantenfreundliche Gaststätten und die Aktion „Musik beim Wirt“ sind also kulturelle Vorzeigemodelle.

 

Das Wirtshaus – ein Stück Geborgenheit

Im Reigen der gastronomischen Facetten – vom Würstelstand bis zum Haubenlokal - nimmt das Wirtshaus eine Sonderstellung ein. Das Wort „Wirtshaus“ signalisiert ein unkonventionelles Einkehren ohne Etikett, eine Geborgenheit, zu der man aber selbst etwas beitragen kann. Wer immer noch glaubt, dass sich alles um den Zapfhahn dreht, der irrt. Es ist der Durst nach Austausch von Mitteilungen, nach gesehen und gesehen werden, nach Anteilnahme und Spott, nach einer Verquickung der unterschiedlichen Lebensentwürfe. In diesem Milieu findet sich - auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit - jeder mit seiner Lebensweise.

 

Das ideale Wirtshaus – nur ein Mythos?

Die Gastronomie-Branche widerspiegelt selten Kontinuität, was die  Einstellung der Wirtsleute zu ihrer lokalen Rolle betrifft. Gute Beispiel gibt es zwar genug. Zu wenig ist aber den Unternehmern bewusst, wie sehr  sie in den gesellschaftlichen Mittelpunkt rücken, wie sehr sie für viele Heimstätte sind und dass die Zusammenkünfte eben nicht mit Zeitvertreib gleichzusetzen sind. Zu wünschen  wäre heute die Verquickung von Gastronomie, Kultur und Sozialengagement, so wie wir es da und dort von guten Wirtsleuten erleben. Warum also sollte dies nicht zur Maxime werden, zu einem ausgefeilten Berufsbild: Hygiene und Getränkekunde, Psychologie und Kulturphilosophie. In Zukunft wird es nicht mehr genügen, die ideale Weintemperatur zustande zu bringen. Das Leben in globalen Zusammenhängen und die grenzenlose Mobilität verlangt unerbittlich nach regelmäßigen Anteilen an Zuneigung und Beheimatung.

   

Über den Köpfen jonglieren... 

Die Sitzplätze sind längst besetzt und im engen Schankraum stehen die Gäste so eng aneinander, dass die Kellnerin nur mit Mühe die Getränke über die Köpfe jonglieren kann. Herr und Frau Wirtin zapfen und springen hurtig hinter der Schank auf und ab, fangen Wortfetzen der Unterhaltung auf und schickten sogleich Botschaften zurück. Die Lautstärke nimmt immer mehr zu, sodass die Gäste die Köpfe zusammen stecken müssen, um einander zu verstehen. Aus dem Getöse der Gesprächsfetzen und dem Gelächter steigen plötzlich Töne. „I bin’s da Turlhofer von da Sunnaseitn...“ singt der Erlbauer aus voller Brust und sein Gegenüber legt die zweite Stimme darüber. Musikland Österreich – dort wo die Musikalität im Wirtshaus seine Wurzeln pflegt.

 

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