Zum Gedenken an Ossi Krammer

 

  

Liebe Irene und lieber Ossi!

 

Meine Worte sind an Euch beide gerichtet, an den einen der seine ewige Ruhe gefunden hat und an die andere, die nun die Witwenschaft antritt. Ihr seid uns allen stets zu Zweien begegnet, sodass jetzt und auch später dieses Bild in uns bleiben wird: Ihr beide als Pilger durch die Lande reisend, zu vielen Begegnungen und musikalischen Ereignissen – so kamt Ihr auch in die Steiermark.

 

Ich erinnere mich gerne: Mit seinem Erscheinen hat Ossi wohl jedes Abendprogramm durchkreuzt, um sich in unvergleichlicher Manier vom Gast zum Mitwirkenden empor zu arbeiten. Die Punkte  „außer Programm“ waren also mit seinem Erscheinen vorprogrammiert. Im Hintergrund seine Irene, die mit guten Ratschlägen den ewig jungen Musikanten in Zaum  zu halten versuchte. Das war aussichtslos: Ossi hatte das Publikum stets auf seiner Seite – und dies zu unser aller Freude.

 

Und jetzt zerbricht das Bild der Zweisamkeit. Scheinbar getrennt durch das verletzliche Band zwischen Himmel und Erde sind die beiden - und wir werden uns mit den Erinnerungen begnügen müssen. In Wahrheit aber ist es eine große Gnade, Euch jemals begegnet zu sein. 

 

Da liegt er nun – der Mann mit der Mundharmonika. Das erinnert mich an den begnadeten Musikus Bernd Clüver, 1948 in Hildesheim geboren, dem mit seinem Lied „Der Junge mit der Mundharmonika“ der Durchbruch am Schlagerhimmel gelungen ist. Irgendwie war Ossi bis zum Schluss dieser Junge geblieben, auf beiden Beinen zappelnd, Atmung und Stoffwechsel komplett auf sein Spiel hin abgestimmt.

  

Ein Energiebündel würden wir sagen, um nicht den alten Begriff „Zappelphilipp“ hervorholen zu müssen. Freilich: Es lässt sich nicht ermitteln, ob viele seinem Beispiel gefolgt sind und zur Mundharmonika gegriffen haben, oder ob seine Melodien in anderen Köpfen für immer und ewig gespeichert wurden. Das ist auch unwichtig, lieber Ossi. Wesentlich ist, was Du für uns Jüngere dargestellt hast: Den leibhaftigen Musikanten nämlich, seinem Tun mit Haut und Haar verschrieben und der Leidenschaft erlegen. Den Lebenslauf in positiven Schwingungen abspulend. 

 

Ossi, Du warst der Junge mit der Mundharmonika, der seine ganzen Sehnsüchte in die Musik legen konnte. So viele wünschen es sich und können nicht annähernd mit Dir gleichziehen. 

 

Ja, in den Fünfzigern, da war die Welt der Schlagerkomponisten noch in Ordnung, die Texte von Poesie durchzogen und aus der Seele nach außen gestülpt. Was Bernd Clüver damals komponierte und in den Wurlitzern zum Standard zählte, möchte ich Euch nicht vorenthalten:


Da war ein Traum
Der so alt ist wie die Welt
Und wer ihn träumt
Hört ihm zu, wenn er erzählt

Du hörst sein Lied
Und ein Engel steht im Raum
Dann weißt du nicht

Ist es Wahrheit oder Traum

Der Junge mit der Mundharmonika
Singt von dem was einst geschah
In silbernen Träumen
Von der Barke mit der gläsernen Fracht
Die in sternenklarer Nacht
Deiner Traurigkeit entflieht

 

Das sitzt, damit kann man die Welt umarmen und gemeinsam mit den Schwingungen der kleinen Stimmzungen – wenn sein muss – sein Dasein fristen. Sicher hast Du dieses Lied gekannt Ossi, als einer der weder das Wort Traum, noch Traurigkeit noch Engel und Wahrheit nur als Füllstoff verwendet, einfach so daher gesagt hätte.

 

Nein, Dein Feinsinn war mit Etiketten nicht zufrieden. Du brauchtest auch für das Wort „Heimat“ keine Erklärung, dafür aber hattest Du eine Lebenserfahrung, für die sich der übliche Heimatbegriff wohl zu eng ausmachte.

  

Ossi, der Mundharmonikaspieler aus der Bukowina, dessen Begeisterung für seine Herkunft in seiner Musik allzeit hörbar wurde. Und erst recht, wenn er das Wort Czernowitz in den Mund genommen hat und sein Lebenslauf aus ihm hervorsprudelte, da war er ganz in seinem Element. Seine Augen blitzten und seine Irene besserte seine Erinnerung nach. Eine ungewöhnliche und berührende Zweisamkeit der Verlebendigung der Vergangenheit.  

      

Die Bukowina – kaum jemand von den Jungen weiß sie heute zuzuordnen, und kaum jemand hat Kenntnis von der mit der Jahreszahl 1940 datierten, unseligen  „Vereinbarung über die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus den Gebieten Bessarabiens und der nördlichen Bukowina in das Deutsche Reich“

 

Der Ossi war Zeitzeuge, einer der als Altösterreicher sein Schicksal meisterte und sein Neu-Österreich liebte. Und seine Frau Irene über alles liebte, die mit ihm jahrelang im Wiener Prater einen Schießstand betrieb, und mit der er die Welt bereiste und so manchen „unbezwingbaren“ Fels genommen hat. Der Ossi als Bergsteiger, Weltenbummler, Holzschnitzer und Musiker. 

 

Da ruht er also, unser Freund, der edle und friedfertige Ossi, der uns von oben zuraunt, wir mögen nicht traurig sein, wir mögen spielen, singen und dem Leben zugetan sein. Der aufrechte Ossi, der nun im Tode eine liegende Haltung einnimmt und damit einem neuen Trend entspricht, genannte „Planking“. Er entzaubert damit die neue Mode, weil er seine Geradlinigkeit eine Ewigkeit aushält, während die Flachliegezeiten sich beim Planking in Grenzen halten.

  

Seid mir nicht böse, wenn diese Rede eine so triviale Wende nimmt. Das erlaubt sich nur einer, der dem Vorangegangenen von Herzen allen Respekt zollt und der des Verblichenen Schmunzeln gewiss sein kann.  

 

Der Ossi – aufgefahren in den Himmel,

er sitze zur Rechten gemeinsam am Pult mit dem Blamberger Luis

der ebenso wie der Ossi mit der Geige und der Mundharmonika

forthin dem Himmel verpflichtet ist.