Gehundsteh Herzsoweh

 

 

Der Titel sticht ins Auge und zeigt, dass der Autor - und dies kommt eher selten vor - auch die Mechanismen der Marktwirtschaft kennt. Das Thema ist aktuell, weil das eine der behandelten Lieder vom Volk warmgehalten wurde. Johann ist in vielen Menschen präsenter als so mancher der nachfolgenden Landesfürsten, die nicht besungen wurden und werden. Es sind nur mehr Denkmäler geblieben. Und warum ist unser Johann sosehr unser? Hier das Fragezeichen anzusetzen und die Musik in einen historischen Zusammenhang zu stellen, ist verdienstvoll.

 

Volkslied und Kunstlied

Vier wesentliche Abschnitte kennzeichnen dieses Buch: Erzherzog Johanns Rolle in den Franzosenkriegen; Entstehung, Entwicklung und Varianten von „Wo i geh und steh“; Erzherzog Johann in Volkslied und „Kunstlied im Volksmund“ jenseits des populären „Wo i geh und steh“ sowie Lieder über Erzherzog Johann als deutscher Reichsverweser. Der Autor kommentiert 44 Erzherzog Johann - Lieder und stellt diese - soweit es sich feststellen lässt - wiederum in zeitliche Zusammenhänge. Er gibt Einblick in die Zeit des Erzherzogs und berichtet ebenso über Verehrung wie auch über Ablehnung. Viele Abbildungen, Notenbeispiele, Bibliographie und Indexteil sowie ein Variantenvergleich der durch Überlieferung veränderten Melodien ergänzen die Ausstattung. Der Autor: „ Es ist eine Ironie der Geschichte, dass mit „Wo i geh und steh“ ausgerechnet jenes Erzherzog Johann - Lied den Lauf der Zeiten am beständigsten überdauert hat, welches seinerzeit weder für den Erzherzog geschrieben, noch diesem gewidmet worden war“. Gemeint ist das, dem oberösterreichischen Autor Anton Schlosser zugeschriebene „Wo i geh und steh ......“

 

Ein gewohnten Klangbild spendet Beheimatung

Mit diesem Buch wird ein Teil des Geheimnisses um die Johann - Verehrung in Liedern gelüftet, der Mythos um die geliebte Person entzaubert. Der Frage, warum zumindest zwei Erzherzog- Johann - Lieder noch immer im Gebrauch sind, müsste noch näher nachgegangen werden. Etwa: Warum sind diese Lieder überhaupt noch verbreitet, wenn man bedenkt, dass in musikgebildeten Kreisen solcher „Kitsch“ eher abgelehnt wird. Die Lieder sind aber im geselligen Gebrauch sehr beliebt. Ich kenne aus meiner Forschungstätigkeit unzählige Situationen in denen der Erzherzog Johann - Jodler mit Inbrunst erklingt. Dafür ist keineswegs die Kenntnis der Verdienste des Erzherzogs, der Text also nicht vordergründig an diesem Festhalten verantwortlich. Wir kennen dies auch von vielen anderen Liedern, deren überholter Inhalt einer beständigen Beliebtheit gegenübersteht. Warum also ? Ein gewohntes Klangbild, Personen, Orte oder auch Stimmungsbilder stehen für Beheimatung. „Sie gehen ins Ohr“ ist nicht immer die richtige und gültige Erklärung. Im Falle des doch komplizierten und schwierigen Erzherzog Johann - Jodlers schon gar nicht. Er ist eine Herausforderung für jeden Sänger, inzwischen aber auch ein unbedingtes Muss, das Maß allen Singens im „Gebrauchsliedleben“.

 

Lieder, als letzte Zufluchtstätte 

Was tut sich hier, wenn sogar - wie ich es mehrmals erlebt habe - die Geräusche hinter der Schank verstummen, weil die Platzer Luisi stehend ihren Erzherzog Johann - Jodler ins Gastzimmer trällert, alle Augen und Ohren ihrem Zungenschlag zugewendet sind? Die Aufmerksamkeit gilt natürlich dem Bravourstück und es ist schon spannend ob die Luisi den ganz hohen Ton auch noch erreicht. Aber: Wo sonst noch dürfen wir heute von Heimat reden, davon dass wir Sorge um die Steiermark haben. Lieder sind oft die letzte Zufluchtstätte für Sorgen und Gefühle, die in unserer Zeit verdrängt werden. Alles paletti sozusagen, was brauchen wir uns um die schöne Heimat kümmern, dazu haben wir ja Volksvertreter und außerdem hört man ja nicht auf uns. So der Grundtenor. Und:

Das Volk sucht sich seinen Helden selbst aus

Lieder machen einen gewaltigen Prozess mit. Zuerst sind sie aktuell oder kontraaktuell also kritisch, später werden sie zu einem entfernten Inhalt, man singt sie weil durch Verklärung der Wahrheitsgehalt nicht mehr überprüfbar ist. Diese Befindlichkeit von Menschen, die den Prinzen auch heute noch besingen, diesen Weg von Liedschöpfungen durch unzählige Generationen zu untersuchen, wäre es wert. Mögen die Leistungen des steirischen Prinzen noch so hinterfragt werden, fest steht, dass sich das Volk einen Helden gesucht hat - vielleicht in Ermangelung eines fehlenden Nachfolgers. Einer Legende kann man ja leicht ein Lied singen, sie ändert sich nicht mehr wesentlich, von Brenners gut recherchierten Darstellungen abgesehen. Sie rücken zurecht zu Recht.

 

Sentimentalität und Kitsch

Kleine Reprise zur Präsentation des Buches, die ich miterlebt habe: Mit den Worten „Sentimentalität“ und „süßlicher Kitsch“ stellt man heute gerne jene Mauer auf, die uns mitteilt, dass hier Wissenschaftlichkeit herrscht und keine Gefühle am Werk sind. Ich bedaure es immer wieder, dass die Gefühlswelt der singenden Menschen den zeitbedingten Geschmacksnerven gegenübergestellt, oder gar mit dem Maßstab der Musikästhetik gemessen wird. Insofern sind tote Lieder um einiges leichter abzuhandeln. Sollten meine Worte über den eigentlichen Sinn einer Rezension hinausgegangen sein, so ist Helmut Brenner schuld daran. Sein Buch ist auch ein besonderer Beitrag zur rätselhaften steirischen Eigenständigkeit, zum Brusttrommeln des wilden Bergvolkes hinterm Semmering. Die ausgezeichnete Recherche über das Lieblingslied und die heimliche Hymne der Steirer macht Lust, eine weitere Seite aufzuschlagen.

 

Helmut Brenner: Gehundsteh Herzsoweh. Erzherzog Johann-Lied-Traditionen vor, in, neben und nach „Wo i geh und steh“. Mit einem Vorwort von Wolfgang Suppan. Mürzzuschlag (ars styriae) 1996. ISBN 3-900970-02-5. 180 Seiten,