Lieder von Leader

Wenn Leader uns wieder Lieder in den Mund legt

 

    

Im Diskurs um EU-Förderungen wird der Innovation und Weiterentwicklung sicherlich die größere Beachtung geschenkt. Das verwundert nicht, da wir uns ja in einer Zeit der neuen Möglichkeiten, der Öffnungen und Vergrößerung des Handlungsspielraumes befinden. Umso erstaunlicher ist also die Möglichkeit, über "Leader plus" die Traditionen unseres Landes – in ihrer Vielfalt zu fördern. Dabei spielt das Wort Identität eine große Rolle, aber was ist damit wohl gemeint? Wer die eigenen Fertigkeiten, die Stärken der Region und die Unikatwirkung seiner Umgebung nicht kennt, der wird stets das Andere suchen, wo anders investieren, sich wo anders niederlassen. Kultur ist es also auch, sich selber und die Einmaligkeit seines Lebensraumes zu entdecken – und hier besteht eindeutig ein Förderbedarf.

  

Kein Volkstumskampf

Bei aller Hinwendung zum Eigenen und damit zum Projekt „Lebenswerte Region - brauchtümliche und musikalische Werte als Basis für eine neue Kultur- und Erlebnisinitiative“, steht also nicht das Festschreiben und Erhalten im Vordergrund, sondern das Teilhaben, Mitklingen und Mittragen. Vieles darf dabei neu entdeckt werden oder gar unter anderem Vorzeichen weiterleben. Selbst die Verabschiedung von so mancher Tradition muss als Teil dieses Prozesses mitgedacht werden. Die vordergründige „Von Gestern-Abneigung“ ist ebenso keine Lösung wie das Überbordwerfen. Fest steht nämlich, dass der Bereich der traditionellen Kulturäußerungen – trotz seiner vordergründigen Beharrung und seiner vorschnell formulierten Rückständigkeit - ein sehr innovativer ist. Gibt es also die innovative Rückständigkeit? Nein, Innovation ist dabei im Zeitgefüge zu sehen. Brauchtum und Tradition verändern die Menschen im Rhythmus von zwei bis drei Lebensspannen. Dies nur zum besseren Verständnis.

 

Traditionen mittragen lernen

Kulturarbeit hat also auf diese Freiheit der Entwicklung, auch Erfindung und Vergessen zu ermöglichen und keineswegs der Festlegung zu dienen. Die Projekte des Steirischen Volksliedwerkes  sind diesem Bemühen verschrieben. Durch die Forschungsergebnisse ist geradezu eine Fülle von musikalisch-poetischen und brauchtümlichen Eigenheiten zu belegen. Jede Region hat sehr unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen, welche sich entsprechend den sozio – ökonomischen Voraussetzungen entwickelt haben. Für eine Vielzahl an Entwicklungen einer Region stellen kulturelle Äußerungen die Basis für weiterführende, nachhaltige und zukunftsträchtige Projekte. Das kulturelle Erbe einer Region kann somit – bei entsprechender Aufbereitung und bei der notwendigen Bereitschaft neue Ausdrucksformen einzubinden, ein wertvoller Bestandteil regionalentwicklerischer Ansätze sein.

 

Lieder zurückgeben – wie man beginnt ...

Es beginnt mit der Einladung der regionalen Mitarbeiter und einer ersten Absprache bezüglich der anfallenden Arbeit und der Vorgangsweise. Sodann wird in Gemeinde- und Pfarrblättern ein erster Aufruf veröffentlicht. Wir suchen Kenntnisse von Liedern, Gedichten, Geschichten, handwerkliche Besonderheiten, brauchtümliche Handlungen. Ebenso werden Institutionen wie Chöre, Schulen, Kulturträger mit dieser Sammlung befasst. Weitere Zusammenkünfte dienen dem Sortieren der Ergebnisse und daraus resultieren dann Forschungsfahrten (Interviews, Musikaufnahmen etc). Schon nach wenigen Monaten wird aus der ursprünglichen Arbeitsgruppe ein kleines Redaktionsteam gebildet. Ergebnisse aus den Forschungsfahrten werden einerseits wieder in den regionalen Medien vorgestellt, andererseits werden weitere Institutionen mit Teilerhebungen beauftragt (Museen, Institute) Dem Steirischen Volksliedwerk obliegt es dann, zu allererst die musikalischen Beiträge zusammen zu fassen und die gesammelten Lieder „zurück zu geben“. Das Redaktionsteam arbeitet nun mit den Fachleuten aus dem Volksliedarchiv (Quellenstudium) zusammen, entscheidet letztlich, welche Lieder in das regionale Liederbuch gehören, welche regionalspezifischen Strophen verwendet und welche Mundartschreibung angewendet wird. Durch diese monatelangen Vorarbeiten werden große Teile der Bevölkerung in das Vorhaben involviert und dem Entstehen dieser Liedersammlung entsprechende Bedeutung zugewendet.

 

Was fördert Leader+ ?

Ledaer+ fördert eben diese Vorarbeit bis hin zu Forschung, Transkription und Quellenstudium. Der Druck des Buches und das Risiko des Verkaufes liegen in der Verantwortung des Volksliedwerkes. Erst nach Erscheinen des regionalen Liederbuches fördert Leader+ wieder die Ausbildung von Singleitern bzw. die Veranstaltungen „Wir singen aus unserem Liederbuch“, um entsprechende Nachhaltigkeit zu erwirken.

 

Der Erfolg gibt uns Recht

Liederbücher singen nicht. Sie sind nur dann eine wirkliche Hilfe, wenn viele Menschen am Entstehen beteiligt sind, wenn die Lieblingslieder dieser Zeit (nicht immer Volkslieder) darinnen zu finden sind und durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit damit das Eigene wieder bewusst gemacht wird. Das ist beim Liederbuch Ausseerland ebenso gelungen wie beim Liederbuch Enns-Grimming-Land. In dieser Reihe sind die Liedersammlungen Eisenwurzen-Gesäuse, Paltental und Oberes Ennstal in Vorbereitung. Dem jeweiligen Forschungsprojekt könnten aber weitere sehr unterschiedliche Ergebnisse folgen: Brauchtum könnte wieder eine neue Form und neue Bedeutung zukommen, Sagen und Märchen neu entdeckt werden, regionale Tänze und Instrumentalmusik wieder zur Verfügung gestellt und geschult werden, Mundartausdrücke könnten wieder verstanden und regionale Rezepte neu herausgegeben werden. In allen Fällen bedarf es der Abstimmung, ob das alte Wissen für heute nutzbar gemacht werden kann, dann hat es auch Sinn, es wieder aufzugreifen. Lieder, Musik und Sprache bedürfen aber auch einer Einbettung. Deshalb geht es bei den angebotenen Workshops nicht nur um die Vermittlung von Text und Wissen sondern auch um Bereiche wie Unterhaltungswert, Veranstaltungskultur etc.

 

Lebensgefühl steht an oberster Stelle – dies ist auch in Verbindung mit den Tourismusbestrebungen zu sehen. Regionale Qualitäten müssen vorerst selber getragen werden, dann ist es auch zielführend, sie für andere erlebbar zu machen und touristisch anzubieten. Regionale Besonderheiten sind aber nicht aus dem Lehrbuch zu lernen, es müssen Bezüge hergestellt und es muss alles wieder probiert werden. Identität entsteht auf der Spielwiese – möglichst ohne Zaun.  

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