Liebe Musikantinnen und Musikanten!

 


Vor Euch liegt ein neues Musikheft mit vielen schönen Melodien. Als einer, der den viel größeren Teil seines Repertoires durch Zuhören und Nachspielen erlernt hat, wage ich zu behaupten: Das schönste Notenbuch ist das lebende Vorbild, von dem man Tonfolgen und das Musikerhandwerk gleichsam lernen kann. Notenhefte sind dagegen bloß ein matter Ersatz. Sicher: Heute fehlt der jungen Musikantengeneration oftmals die direkte Begegnung mit den Altvorderen der Volksmusik, da sind Notenausgaben eine willkommene Hilfe. Die Autorin und der Autor dieses Heftes verweisen ja zu Recht auf die Variantenbildung und den Wert des „Zuwispielens“, eine Kunst, die ja vom Notenbild nicht ablesbar ist.

Viele Melodien wären aber ohne Übersetzung ins Notenbild längst verloren gegangen. Und: Die Erfindung der Notenschrift ist zudem eine Errungenschaft, die parallel zum Überlieferungsprozess der Entwicklung und Weitergabe von Musik dient. Damit wäre also die Ehre der Notenköpfe doch noch gerettet.

Das Notenblatt – Vorschrift oder Hilfsmittel?

Zu allererst müsste also eine Schrift, die keine Vorschrift ist, Verwirrung stiften, wenn wir nicht auch vom Kochbuch wüssten, dass wir uns beim Kochen viel mehr ins Zeug legen, als Zutaten im Buch stehen. Richtig: Ausschlaggebend ist dabei, für welchen Anlass, für welche Gäste und für welchen großen Hunger wir zum Kochlöffel greifen. In der Musik ist dies nicht anders!

Wenn ich Euch also auffordere, dem Notenvorschlag noch viel von Euch selber hinzuzufügen, so könnte eine solche Kreativität auch einen negativen Effekt haben. Eine Melodie wird durch Hinzufügen einer Gegenmelodie oder einer weiteren Stimme nicht zwangsläufig besser. Eindeutige Signale sollen nicht verdeckt, sondern verstärkt werden. Es ist ja schon eine höchst spannende Aufgabe, die Poesie einer Melodie hinüber zu bringen, Begleitung und Bass nicht als ein Nebenbei sondern als Fundament zu werten, sie zum markanten Impulsgeber auf dem Weg zu den Tanzbeinen werden zu lassen und dann und wann den Melodien Texte mit aktuellen Inhalten zuzufügen.

Die geballte Ladung Gestaltungskraft

Wer also über die vielen Möglichkeiten des Gestaltens nachdenkt, wird ein vielseitiges Feld antreffen. Dazu gehören der Variantenreichtum im Melodiebereich ebenso wie das Anpassen an technische Voraussetzungen, das Tempo, die variable Länge und letztlich die Artikulation und Intensität. Die Voraussetzungen für das Gelingen von Musik sind ebenso vielfältig: Wer spielt mit wem und für wen? Geben wir Konzerte, laden wir zum Tanz oder spielen wir für uns und unsere Freunde im Wirtshaus auf? Von all dem steht rein gar nichts im Notenbuch und das ist gut so, denn die Freiräume sind es, die uns Mensch sein und nicht Maschine werden lassen. Wichtig ist zu wissen, dass es für Musik wesentlich mehr Parameter außerhalb des Notenbildes als innerhalb des Notenbildes gibt und darauf sollten wir wieder mehr Wert legen.

Musik als Fingerabdruck des Menschen

Noch ein paar Sätze zu Musikgruppenbildung: Ein Ensemble ist eine Betriebsgemeinschaft, die ja außerhalb des Musikalischen bereits Übereinstimmung erlebt. Viele solche Gruppen bilden sich zuerst einmal aus Freundschaft und nicht wegen der musikalischen Absichten. Wer sich solchermaßen zusammenschließt um Musik zu machen, der bündelt Charaktere und Emotionen zu einem Knäuel an Energie. Das sollte schon einmal geschehen, bevor wir uns ein Notenheft in die Hand nehmen. Das wäre übrigens auch eine tiefe Verbeugung vor jenen, die Ihre Stücke für das Heft zur Verfügung gestellt haben. Auch sie meinten unter „Musik spielen“ viel mehr, als hier Schwarz auf Weiß stehen kann und sie wünschen sich den Himmel auf Erden – durch ihre Musik.

Wir sollten mehr als nur Musik machen

Sollte das Gesagte belehrend geklungen haben, dann ist mir das auch recht. Es war als freundschaftlicher Rat gemeint und es ist mir durchaus Ernst mit meinen Empfehlungen, weil jede Musik durch uns Musikantinnen und Musikanten gewinnen kann. Auf dem Weg dorthin sind Virtuosität und Perfektion allerdings nur Nebeneffekte. Anno dazumal, als sich Melodien durch Abhören und Nachspielen überlieferten, als es die Notwendigkeit gebot Musik zu machen, war die Volksmusik von Vielfalt und Eigentümlichkeit geprägt. Diese Qualität und Originalität bewundern wir ja an alten Aufnahmen und wir begeistern uns auch an den Erzählungen früherer Musikantengenerationen. Die alten Zeiten sind zwar vergangen, nicht aber die Chance, heute – unter geänderten Bedingungen und mit Hilfe von Notendrucken - mehr als nur Musik zu machen. Wer die Stücke aus diesem Notenheft spielt, möge sein ganzes Herz hineinlegen, um den schönen Melodien zu dienen. Wer dem Publikum über die tanzenden Füße die Lebensfreude zu wecken versteht, wird im Übrigen doppelt belohnt.