Die Ballmusik

Seitenblicke auf das Musikantenhandwerk einst und jetzt


Wer sich an verflossene Ballnächte erinnert, tut dies aus dem Blickwinkel des Besuchers, mit Erinnerungen an durchgetanzte Nächte, an charmante Partnerinnen oder Partner, an das pochende Herz und dann und wann auch an den pochenden Kopfschmerz am nächsten Morgen. Mitunter hat man sich nicht freiwillig ins Zeug gelegt und gedenkt der überstandenen Pflichttänze. Doch nein: Das Positive überwiegt, denn eine Ballnacht ist gelebte Lebenslust, ein selbst erwählter Ausnahmezustand. Der Ausstieg aus dem Alltag beginnt mit dem Einstieg in die Ballgarderobe und in eine neue Zeitrechnung, die den Bruch zwischen dem Abend und dem Morgen wie ein Nichts verschlingt. Die Mitternachtsquadrille und der Glückshafen waren die Halbzeit und sind schon Geschichte, während man an der Sektbar das Heimgehen lachend von Stunde zu Stunde verschiebt. Früher als wir selbst, verabschiedet sich die Nacht. Der spätere und zugleich frühe Schritt auf die taunasse Gasse wirkt ernüchternd. Der beginnende Morgen entblößt das zerstörte „Make up“ und zaubert tiefe Ringe unter die Augen.

 

Das Hauptportal und der Lieferanteneingang

Das große Ballereignis ist also vom Publikum getragen, welches dem Ruf des Veranstalters folgt und den jeweils vorbereiteten Rahmen liebt. Dazu gehören die Gastlichkeit, aber ebenso die Dekoration, die Bühneneinlagen und die Musik. Warum war bislang von ihr nicht die Rede, obwohl sie den Auftakt bildet, den Tanzrhythmus bestimmt und auch die früh morgendlichen Schritte am Trottoire taktvoll begleitet, bis zum späteren Erschöpfungsschlaf im anschmiegsamen Kopfpolster?

Während wir uns als Ballbesucher dem Hauptportal des Veranstaltungsortes nähern, eilen wir Gedanken verloren am Lieferanteneingang vorbei, der den Musikern vorbehalten ist. Es sind meist winkelige Gänge, vorbei an Bierkisten und Blumentöpfen, an demolierten Sesseln und prallen Müllsäcken. Da ich selbst in einer Musikgruppe spiele, bin ich an diese Rumpelkammer gewöhnt und kenne den Geruch schlecht gelüfteter Bühnen und die traurigen Reste der einst bunt glitzernden Dekoration. Es ist also längst an der Zeit, ein Ballereignis von der Musikerseite aus zu betrachten, ihnen zuzuhören und über die Schulter zu schauen. Der Ball im Fokus des Musikanten: Von der gemeinsamen Anreise, dem Kofferschleppen, den Funktionen des Instrumentariums, dem Leben im Scheinwerferlicht, dem Applaus bis zum erschöpfenden Ende und letzten Ton.

 

Musikanten einst und jetzt

Wer aber so viel über das heutige Musikerleben wissen möchte, soll den Blick zurück ebenso tun in eine Zeit, als das Musikantenhandwerk noch mit großen Mühen verbunden war. Ein selten präziser Briefwechsel zwischen dem steirischen Volksliedforscher Dr. Josef Pommer und dem später in Aumühl bei Kindberg lebenden Musikanten Cyprian Händler[1] bietet köstliche Einblicke in die Vergangenheit. Das Jetzt und das Einst der Musikantenzunft lässt erahnen, wieviel Leidenschaft und Engagement hinter der Ballmusik steckt, wie sehr sich die Musikerrolle von jener des Ballbesuchers unterscheidet und wie sich beide Teile gegenseitig zu einem emotional beschwingten Ganzen aufschaukeln.

 

Auf die Besetzung kommt es an

Um die Position des Ballmusikers einnehmen zu können, muss ich meine eigene Musikgruppe ins Spiel bringen, die „Citoller Tanzgeiger“. Wir sind unser fünf und spielen – der Kern der Gruppe - schon fast dreißig Jahre miteinander. Die Besetzung besteht aus zwei Geigen (Ingeborg Härtel und Hermann Härtel), einer Bratsche (Marie Theres Härtel), einer Harmonika (Hubert Pabi) und der Tuba (Ewald Rechberger). Das ist die Streichbesetzung, die immer wieder einmal von der Bläserbesetzung abgelöst wird. Da spielen dieselben Musiker mit zwei schrill klingenden Klarinetten, einer Posaune, einer Harmonika und der Tuba. Dieser Wechsel zwischen Streich und Blas ist eine große Hilfe bei der Unterhaltungsmusik, denn mit zunehmender Stimmung ist der Lärmpegel mit scharfen Klarinettenstimmen besser zu übertönen. Unsere Spezialität sind weiters die gesungenen Walzer, Märsche und Polkas. Das Publikum kennt die teils sehr populären Texte und es singt allzu gerne mit. Notenvorlagen wären da ein Hindernis und deshalb gehört zum Tanzmusikspielen ein ausgeprägtes Melodiengedächtnis, zu jederzeit abrufbar und dem Publikumsbedürfnis angepasst. Die Verständigung, welches Musikstück nun angespielt wird, geht meist über das kurze Anspielen der ersten Takte – als Kennmelodie - und dann wird eingezählt, wobei der Bogen des ersten Geigers den optischen Impuls gibt.



Cyprian Händler schreibt:
Bin in Rottenmann 1826 geboren und in dieser Umgebung von Aussee, Gröbming, Irdning, Schladming, Lietzen, Stainach, Admont vielmahls verlangt wurde zu Musiken. Unsere Besetzung war in die ausgehenden 30er Jahren bis 1849 wie es zu einer echten Nationalmusik gehört: I. und II. Violin, eine Seitenpfeiffe, Cymbal, Clarinett und Bassettl“. Es war jeder auf seinen Platz und schon immer die gleichen Musiker beisammen. Da ist man so schön zusammengewöhnt und glaubt man spielt im Himmel. Die steirischen Tänze werden gar nirgends aus den Notten gespielt und immer alles auswendig, im ganzen Oberland. Wir haben auswendig so gut gespielt, als wenn wir die Notten vor uns gehabt hätten. Aber auch vom Fleck weg, ohne vorher gesehen zu haben, habe ich jede Stimme genau und mit Form getroffen – bei der Tanzmusik sowie am Kirchenchor, in allen Instrumenten.
Der Sekundant (=zweiter Geiger) war auch schon wie alle anderen auf das auswendig spielen abgerichtet. Der nicht auswendig spielen hatte können, solcher ist überhaupt nicht zum brauchen gewesen; das hat auch für die anderen Musiker gegolten. Ja, das ist eine eigene Kunst, auf dieser sind wir auch stolz gewesen.

Ferdinand Gretler, 1. Violin, Wirth und Kaufmann in Rottenmann und mein Lehrer; der Seitenpfeiffer hieß Schirstl-Hiasl und war im Torfstich bedienstet; der Cymballist war ein Nagelschmied-Meister in Rottemann. Clarinettisten waren Joh. Baumhackl und Michl Fasching. Im Jahre 1850 übernahm ich die 1. Violin und die Leitung. Habe ja diese Männer alle sehr gut gekannt und war immer in bester Freundschaft mit ihnen: Da waren German Roitner in Aussee, Karl Fischer, Lehrer in Schladming; J. Schwaiger, Ledermeister in Untergrimming; K. Strinitzer, Bauer und Organist auf der Pürgg; Franz Kronberger, Stadtkapellmeister in Leoben; J. Forstner, Schullehrer in Knittelfeld. Es sind Alle und Alle schon lange gestorben, bis auf mich und ich spiele seit 5 Jahren nicht mehr und jetzt leben ich schon 10 Jahre im Mürzthal und bin noch der Einzige übergebliebene und jetzt bin ich schon 77 Jahre alt.

 

Die Vorbilder sind wegweisend…

Wenn man in der Familie zur Musik angehalten wird und später dann die Feste im Jahrlauf und Lebenslauf zu zelebrieren versteht, dann hat man das wesentlichste Kapital schon mitbekommen. In den Musikschulen lernt man zwar das Handwerkzeug, im Leben aber das Tanzmusikerhandwerk. Und dann muss man halt auch neugierig sein, Respekt haben vor den Altvorderen und ihnen zuhören können. Unzählige Erlebnisse haben uns geprägt, vor allem aber die Freundschaft zum Bad Ischler Oberbergmeister Lois Blamberger und den Musikern der weststeirischen Tanzmusikkapelle Zwanzger. Dabei geht es nicht nur um die schmissigsten Stückln und die geschmeidigen Walzer. Vielmehr geht es um die dienende Rolle des Musikanten, der seiner Aufgabe als Unterhalter gerecht werden muss und dessen Einfühlungsvermögen und Ausdauer eine Ballnacht erst unvergesslich machen.



Cyprian Händler schreibt:
Wer von Jugend aus in Obersteier war, oder dort geboren; solcher kann nur das nationale mit wahren Vortrag und Gefühl heraus bringen, vorausgesetzt, dass er das Instrument welches er handhabt regieren kann. Ich gebe nur Beispiele. Ein Steirer wird niemals einen Cardas ordentlich spielen können, und ein Ungar wird niemals einen rechten obersteirer Tanz zu wegen bringen, und wenn auch ein Künstler – desto schlechter. Auch die Österreichischen Landlageiger bringen es nicht zusammen, sowie ein steirisch Geiger einen Landlertanz nicht ordentlich zusammenbringt; er erfordert einen anderen Strich und Zug.

Ich habe eine Rarität von einer Violinschule mit Leder stark gebunden, gut erhalten, 268 Seiten stark, vom Leopold Mozart, Wolfgangs Vatter vom Jahre 1770, mit vielen Geschichten der Musik.

Der gotseelige Herr Prinz Johann hat für die steirische Musik sehr viel Sympathie gehabt, er hat selbst in die entlegensten Alpenhütten mit die Brendlerinnen / Schwaigerinnen / ob alt oder jung, das war Ihm gleich, fest getanzt. Im Jahre 1842 hat er alle obersteirischen Tanzmusiker aufgefordert welche sich getrauen in Graz im Colliseum zu produzieren, sollten kommen, da sind die Knittelfelder, Leobner und Rottenmanner gekommen, und haben alle viel Dukaten als Prämien bekommen. Und erst die Sängerinnen aus Aussee, Schladming, Gröbming, lauter Jodler und Almlieder so schön gesungen in der hübschen Steirertracht, das war wirklich ein Hochgenuß, haben Prämien in Gold und sonsten auch noch viel Geld bekommen, wir waren alle 5 Tage aus, das war ein Jubel.

 

Die eigentümliche Spieltechnik des Tanzmusikanten

Sollen die rasanten Schnellpolkas trotz Tanzbodenlärm durchdringen, dann bedarf es des vollen Einsatzes. Der Fidelbogen muss oft im Abstrich und mit Vehemenz gesetzt werde, der Nachschlag präzise formuliert und beim Bass bedarf es der kurzen aber kräftigen Anmerkung, einem Uhrwerk gleich muss er die ganze Partie im Zaum halten und um eine Nuance zu früh kommen. Die Begleitstimmen verdienen diesen Namen nicht, denn sie übernehmen eigentlich eine Hauptaufgabe. Mein größter Respekt gilt diesem so wichtigen Grundgerüst. Fällt es weg, dann fehlt – im übertragenen Sinn - dem Butterbrot das Brot.

In der Bläserbesetzung muss es scharfe Töne geben, die ebenso ins Ohr und in die Füße gehen. Das Geheimnis einer guten Tanzmusik ist der gleichmäßige Puls, ebenso aber die lockenden Melodien und die volle Zuwendung dem Publikum gegenüber. Beim Gesang bedarf es kräftiger Stimmen und einer genauen Artikulation, wobei es ja viele Texte gibt, bei denen die Tanzenden zum Mitsingen animiert werden. So ganz ohne elektronische Verstärkung verlangt einem ein solcher Einsatz einiges ab. Die körperliche Anstrengung aber lohnt sich, denn das vielfache Jauchzen der Tanzpaare ist die Genugtuung schlechthin. Letztlich muss man aber das Publikum mögen, es in den Bann ziehen und so in der Hand haben, dass man es mit Bravour die Gratwanderung zwischen Höhenflug und Zusammenbruch entlangführen kann.


Cyprian Händler schreibt:
Die Geige muß so zu sagen reden. Zum Steirisch spielen haben wir geeignete Violinen vom Geigenmacher Meinhard Franz in Linz gehabt. Die recht guten haben einen sehr starken Ton gehabt, auch in der Tieffe; solche Violinen hat man tüchtig herannehmen müssen mit dem Ausgeigen. Es hat ein solcher Spieler sein müssen, der Herr über dieses Instrument hat sein können. Was hätte man mit einer Chorgeige oder Concertgeige gethan, wenn der Tanzplatz voll war und diese Tänze getretten, gebascht und gesungen wurden. Solche Violinen habe ich mehrere gehabt, die man, wenn das Fenster im Tanzsaal offen war, von der Musik heraus in einer Entfernung von 5-6 Häusern noch gut auf der Straße gehört hat. … Um diesen Vortrag ganz nationaldialektisch zu erreichen, muß der Geiger im Hin- und Her-Striche auf eine eigentümliche Art Meister seines Bogens seyn; er muß den plumpen, schwerfälligen mühsamen Strich dem eleganten, zierlichen, reinen vorziehen, er muß ferner sogar oft, um eine oder die andere Note, auf welcher der ganze Ausdruck beruht, nicht zu verstümmeln oder zu verlieren, nicht nur zu einer unregelmäßigen Applikation, sondern auch zu einer widrigen Bindung die Zuflucht nehmen … 

 

Was Musikanten alles spielen können müssen

Als Ballmusik muss man heute neben den üblichen Walzer- und Polkatänzen, ebenso den Marsch und die Franzé im Repertoire haben. Manchmal werden vom Publikum auch Volkstänze wie Schottische, Steirer, Landler und zu vorgerückter Stunde auch einmal ein Tango oder eine Mazurka verlangt. Sehr beliebt sind verwalzte Lieder (Wohl in da Wiederschwing..) oder Polkatänze mit Textunterlegungen (Und weilst ma`s gestern zrissn håst…) Es ist wohl eine besondere Kunst, auf all die Wünsche einzugehen und innerhalb von Stunden eine gute Stimmung aufzubauen. Manch allzu tanzmüden Gesellschaft wird eine Damenwahl verordnet und siehe da: Der Tanzboden füllt sich, wenn solchermaßen die Rollen vertauscht werden. Wie viele Tanzmusikstücke wir auf Lager haben, das wurde noch nie gezählt und noch nie aufgeschrieben. Soviel ist aber sicher: Bei einer Ballnacht mit etwa 8 Stunden Dauer werden nur auf Wunsch Wiederholungen geboten. Spitzenreiter ist dabei der „Gurktaler Walzer“, ebenso aber der „Gamsjägermarsch“.

 


Cyprian Händler schreibt:
Ich könnte Ihnen solche Tänze im Unmassa schicken, wie wir sie anno dazumalen vor 64 Jahren gespielt haben, die ich mir von anderen Primgeigern abgestohlen habe und in meinem Kopf ganz gut aufbewahrt sind, und meinige Tänze sind viel dabei. Die Tänze sind im Stich niemals herausgegeben worden und kein Primär hat bekanntlich nicht einmal seinen besten Musikkameraden mit überzahlten Geld etwas abschreiben lassen. Auch ich nicht! Aber ich habe schon das Talent als Bub gehabt und habe mir vieles auf Papier setzen können. Ich habe mir meine Steirer Tänze zusammen gezählt, welche wir von 1839 bis 1893 immer gespielt  haben. Ich hab mir die Tänze, welche die alten Primgeiger gespielt haben, alle selbst aufgeschrieben. Es sind in meinem alten Steirerbuch 468 Nummern, aber lauter ausgezeichnete gute Nationaltänze. Es ist bloß die erste Violin Stimme geschrieben, man hat es anders gespielt, aber nicht daß man es vom Blatt heraus gespielt hätte; nur wenn man wieder eine Nummer anfängt, haben schon 1 oder 2 Takte genügt, nur um zu sehen, wie es anfängt. Man hat nicht jedes Mal einen Einfall.

 

Der Ballauftrag und die Reise zur Veranstaltung

Zuallererst: Es ist eine Ehre, den Auftrag zu bekommen, die Ballmusik zu stellen. Aus dieser Grundhaltung leiten sich auch eine Vorfreude ab und schließlich auch das Engagement am Podium. Die Instrumentenkoffer werden verpackt, ein Kollege noch per Telefon wegen des Treffpunkts kontaktiert und schon sitzen wir im Auto, um zeitgerecht am Zielort anzukommen. Unterwegs werden Termine besprochen und auch viel Persönliches geredet. Allzu gerne wird noch eine Kaffeepause eingeschoben, bevor wir am Zielort den Ballsaal betreten. Manches Mal sind schon Gäste im Saal, denen man sich als Musiker annimmt und Erinnerungen austauscht. Die Instrumente sind schnell ausgepackt und mit dem Veranstalter ein paar Worte gewechselt. Mein Kollege hat sich die Kellnerin schon angelacht. Ein solcher Erstkontakt ist für die Versorgung auf der Bühne äußerst wichtig. Sich mit ganzem Herzen dem Tanzmusikspielen zu verschreiben, da gehört auch ein Einverständnis innerhalb der Gruppe dazu. Es gibt zwar keine hundertprozentige Übereinstimmung und doch ein Mindestmaß an gemeinsamer Freude an den Menschen für die man spielt, eine gemeinsame Linie was die Bezahlung betrifft, eine gleich verteilte Belastbarkeit und ebenso ein Grundmaß an Harmonie ohne die man nicht nächte- und tagelang auf Reisen sein kann. 

 


Cyprian Händler schreibt:
Es war am Faschingsontag im Jahre 1853 als wir unser 9 Musiker zu einem grossen Balle nach Admont, mit einem grossen Gesellschafts-Schlitten, mit 2 sehr starken Pferden um 1 Uhr Nachmittag von Rottenmann nach Admont fuhren. Und dieser Ball, sollte um 7 Uhr Abends seinen Anfang haben, und natürlich wir doch um eine Stunde früher dort sein müssten, und von Rottenmann bis Admont nur 4 Gehstunden sind, und wir erst am 8 ¼ Uhr dort mit vielen Hindernissen dort angekommen sind. Mit sammt dem Kutscher waren wir 10 Personen, Musikalien, viele Instrumente, es hatte sehr viel Schnee bei der Abfahrt gegeben, und sonst eine gut erhaltene Hauptstrassen war, denn eine Eisenbahn war zur selbigen Zeit noch gar nicht, wir fuhren sehr langsam, denn der Schnee ist so hoch geworfen, dass die Pferde bis über die Knie gereicht hatte, und unter Wegs noch einen guten Theil dazu gemacht hatte, so kammen wir in 3 stündiger Fahrt erst nicht einmal in 1/3 Weges zu einem grossen Bauerngut beim vulgo Egger in der Gemeinde Aigen, wo uns das untere Gestell vom Schlitten zum erstenmal brach. Dort haben die Knechte unsern Schlitten nur provisorisch nur so viel das wir nach Admont kommen konnten, mit Ketten und Stricken halbwegs zusammen gebandelt. Dort hatten wir vielleicht eine Stunde Zeit verloren. Es hatte immer noch lustig fortgeschnieben, von dort gieng es unter vielen Krachen sehr langsam wieder vorwärts, und hatten dann einen näheren Weg, über das Stifts-Hoffeld eingeschlagen, denn dort haben wir keine Hauptstrassen in Aigen nicht gehabt, es war nur eine schmale Bauernstrassen und diese war mit Schnee angefüllt, dass wir absteigen mussten und lange Strecken zu Fuß gehen mussten, kein Pfad, und der Schnee ging uns bis zum Bauch hinauf. Jetzt kammen wir schon hübsch nahe bereits zum Markte Admont und kammen Schneeschaufler diese sind vom H. Wirth heraus gesendet worden und der Wirth mit Namen Alois Stocker auch Buchbindermeister kamm auf einen Gaißlschlitten mit schwerer Noth uns entgegen. Daß wäre eine grosse Malheur wenn sie gar nicht kommen hätten können, so viel Ballgäste geladen 82 Personen und keine Musik. Bei diese Bälle ist immer die Tafel mit angedingter Mahlzeit für jede Person zu 3 f ohne dem Wein gewesen, was hätte der Wirth damals für einen Schaden gehabt, mann stelle sich vor einen grossen Bürger-Ball und die Herrn vom Stift alle, und ohne Musik, und keine andere Musik auch nicht zu haben, die Admonter Musiker waren schon längst wo anders hin bestimmt. H. Stocker hat eine grosse Freude gehabt, Alles sagte die Musiker können vor lauter grossen Schnee nicht kommen, alles war schon ganz verzagt. Als wir ins Gasthaus kammen sind schon 3 Maß guter warmer Wein für uns dagestanden, meine lieben Musiker trinken sie nur schnell und bitte schön, gehen sie im Markte und spiellen 4 Märsche auf mehreren Plätzen, damit die Leute wissen, dass die Rottenmanner Musik wirklich doch gekommen ist, denn alles sagte heute haben wir einen Ball ohne Musik da gehen wir nicht, und wären auch nicht gekommen, dass wäre doch zu langweilig. Also so sind die Ballgäste alle gekommen, und war auch kreuzfidel, und hatte bis 7 Uhr gedauert….

 

Der Ballmusiker – am Puls der Lustbarkeit

Nur wenige Berufe genießen einen so unterschiedlich deutbaren Ruf: Vom Gaukler zum Künstler, vom verarmten Musikus zum gut bezahlten Star und da wäre noch das Bild vom Schürzenjäger. Richtig ist, dass ihm etwas Verwegenes anhaftet und dass er ob solch sprühender Lebenskunst gerne auch beneidet wird. Selten gibt es auch einen Berufsstand, der Einblicke in so viele verschiedene Milieus bietet. Der Musikant begleitet ja viele Menschen bei ihren Festen und Jubiläen und ist da ganz nahe am Geschehen. Es gibt daher alle Facetten von Lebensentwürfen, von Familiensinn und ebenso familiäre Pflichtübungen, von gebildeten und vom Leben gebildeten Ansichten die uns Musikern begegnen und uns dabei den Horizont erweitern.

Der Sonderstatus als ein im Licht der Bühne erstrahlender Hauptdarsteller des Abends hat schon etwas Außergewöhnliches, ebenso die Verehrung durch das Publikum, die Komplimente und so manche Zuwendung in Form eines Geldscheines, der in die Hutkrempe gesteckt wird. Der Blick aber nach unten ins tanzende Publikum birgt vielfach Gelegenheit, während des Spielens Situationen zu erfassen, menschliche Besonderheiten aufzufangen um sie im Musikerkreis auch zu diskutieren oder zu belächeln: Wer heute mit wem am Ball ist, wer noch nie zum Tanz aufgefordert hat und warum die Frau vom Herrn Abgeordneten heute alleine gekommen ist. Da ein Blick auf eine ausgefallene Robe, dort einer ins maßlos überfüllte Dekolletee. Musiker haben, gerade wenn sie ohne Noten spielen, einen tiefen Einblick in das sich drehende Umfeld und einen tiefen Sinn für Stimmungen und Sittenbilder.

Wer nun meint, er wolle nur für ein einziges Mal vom Publikum zu den Musikern überlaufen, sozusagen um über den Bühnenaufgang zu kommen und auch an den Genüssen der Musikantenzunft teilhaben zu können, der wird kläglich scheitern. Denn: Alle Lustbarkeit, die dem Ballmusiker da geboten wird, liegt in des Musikers umfassend musikalisch-unterhaltsamen Kunst begründet. Die Ernte ist erst einzufahren, wenn sich eine Ballmusik wahrlich „spielt“ mit den hundertfachen Melodien und den gut verteilten Funktionen im Ensemble. Das Wort Routine kann hier nur im besten Sinne angewendet werden. Aus ihr heraus kann wieder eine Portion Freiraum für Zurufe, überraschende musikalisch-rhythmische Wendungen und ebenso für den intensiven Brückenschlag gewonnen werden.

Sie meinen, dass dies alles nur dem Gefühl nach beschrieben aber nicht nachgewiesen werden kann? Mitnichten: Wenn die Bühne nicht im gleißenden Licht gehalten wäre, könnte man manches Mal sogar den Funken überspringen sehen.

______________________________________________________________________________________________

[1] Cyprian Händler, Handschriftensammlung des Steirischen Volksliedarchives Mappen 841, 842, 852, 190, und 193. Siehe auch Walter Deutsch. Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes Band 31/1982 S. 29-48.

 

<<zurück