Als der alte Loitzl noch spielte…

Die Sechzigerjahre erlebte ich recht unbedarft, während ich von den Erzählungen anderer natürlich weiß, dass es sich um eine Notzeit handelte. Gleichzeitig aber war eine Aufbruchsstimmung im Lande spürbar, es galt Stein auf Stein zu legen, sich mit dem ersten Telefonanschluss vertraut zu machen und vieles Andere mehr. Beim Kaufmann wurde noch aufgeschrieben, das Schnapsbrennen noch kontrolliert und die Bierkrügel beim Almfest im nahen Bach gespült. Das Reifenprofil war kein Thema und die Virginia verbreitete ihren Duft in jedem Gastzimmer, während die Kellnerin die paar Schillinge entgegennahm ohne eine Registrierkasse zu benützen – dafür hatte sie Zeit für ein kurzes Augenzwinkern.

Alte Freundschaften waren eine Labsal

Und wir Jugendlichen hatten nicht alles zur Verfügung, kannten aber dennoch keine Not. Wie wenig man also braucht, um dem Leben in die Augen zu schauen, das haben wir damals erfahren. Meine Eltern gehörten zur Aufbaugeneration, sie packten an, um mit den fünf Kindern über die Runden zu kommen und labten sich an Freundschaften ihrer Generation. Die hatten sich viel zu erzählen von der Vorkriegszeit über die schlimmste Zeit hinweg bis zu ihrer Flucht in die Arbeit, um die Familie zu ernähren.

Damals (1963 – 1969) machte ich mit meinem Freund Rudolf Pietsch die ersten Ausflüge und in Ermangelung eines Fahrrades bedienten wir uns der Methode des Autostoppens. „Mitnehmen“ war damals für einen stolzen Autobesitzer eine soziale Tat und dabei konnte der gütige Autobesitzer auch sein Vehikel herzeigen. Als gerade erst rekrutierte Musikschüler, die von den Eltern angehalten wurden, doch zusammen zu musizieren, hatten wir die Geigen dabei, ohne sie unterwegs brauchen zu wollen. Aber immerhin: Bald schon waren wir beeindruckt, wie sehr uns die Geigenkoffer beim Autostoppen behilflich waren. Musiker zu sein, war in den Augen der anderen ein Hungerleider-Job und das sah man ja auch an unseren schlaksigen Bubenfiguren, die noch keinen Fettansatz aufzuweisen hatten.

Der Geigenkoffer war ein hilfreiches Utensil

Schlicht und einfach: Die Geigenkoffer waren damals unsere wichtigsten Begleiter und wir verzichteten gerne auf das Mitnehmen einer Geige, dafür nützten wir den Innenraum als Rucksack für das Jausenbrot, die Äpfel, die Regenhaut und das Taschenmesser. Von Liezen aus unternahmen wir unsere Ausfahrten und kamen damals viel herum. Zumal auch nach Grundlsee, weil unsere Ziele sich meist nach den Möglichkeiten richteten. „Nach Grundlsee fahren Sie? Na, da nehmen Sie uns bitte mit“ Und ich glaube es war ein Sonntag und wir erfuhren, dass es an diesem Tag immer einen Tanz gibt – für die Fremden. So fremd fühlten wir uns zwar nicht, beschlossen aber: Nichts wie hin…

Zwei Buben mit den Geigenkoffern

Ich habe keine Ahnung, was sich die Einheimischen bei diesem Anblick dachten: Da kommen zwei junge Burschen daher, in kurzen Lederhosen und Hemd, in Händen einen Geigenkoffer. Die setzen sich im Saal des Gasthofes Schraml rechts auf die Bank und schieben die Geigenkoffer bescheiden einfach darunter. Vielleicht sollte ich im Überblick bleiben und die musikalischen und tänzerischen Details an den Schluss setzen.

Unsere Geigenkoffer nahmen uns nach Gössl mit

Ja, es wurde dann recht spät und wir hatten Sorge wegen unserer Rückkehr nach Liezen. Der Blick in das Geldbörserl ergab eine geringe Summe in Münzen und ein Teil davon war schon in den Händen der drallen Wirtin verschwunden. Man traut sich ja keinesfalls hier zu sitzen und auf die Frage „Wås mechts denn ihr Zwoa?“ nichts zu bestellen. Kurz und gut: Es war schon finstere Nacht, als wir auf der Straße standen und nach einem Auto Ausschau hielten, welches uns doch noch ins Ennstal hinaus mitnehmen könnte. Das Gegenteil war der Fall: Das einzige Fahrzeug fuhr Tal einwärts nach Gössl – und wir, kurz entschlossen, mit.

Der Heustadl und die Mäuse im Geigenkasten

Im Finstern erkannten wir dann ganz hinten Richtung Toplitzsee einen Heustadl, in dem wir es uns gemütlich machten. Die Nachtruhe wollte aber nicht einkehren, denn da waren haufenweise Mäuse, die uns ärgerten. Kurz und gut: Wir öffneten die beiden Geigenkoffer, legten die halbe Semmel als Köder aus und schon bald klappten die Koffer zu, zumindest eine Maus hatten wir erwischt.

Der Spitze Schrei der Frau Wirtin

Früh am Morgen aber stiegen wir aus unserem Domizil und reisten auf herkömmliche Art wieder zum Gasthaus Schraml zurück, bestellten eine Eierspeis mit zwei Gabeln und öffneten just in dem Moment den Mäusegeigenkoffer, als die stark beleibte Frau Schraml unsere Bestellung servierte. In meiner Erinnerung ist heute noch ein lang anhaltender spitzer Schrei gespeichert und der drallen Wirtin gelenkiges Kunststück, an die 120 Kilogramm mitten auf den Wirtshaustisch zu katapultieren. Erst da hatte sie wieder Luft, um in Panik zu rufen: „Teats die Maus då weg..“

Zurück auf den Tanzboden des Vorabends

Am Abend zuvor aber waren wir Augen- und Ohrenzeugen einer recht eigentümlichen Musikdarbietung, zu der äußerst verwegen getanzt wurde. Immer wieder zogen die Tänzer in einem Untergriff die Tänzerin gezielt nach vorne, um dann bedächtig im Aufzug beide Handfesseln ineinander verschlungen einem eigenen Handtanz ausführen zu lassen und Sturzbach ähnlich, wieder in die Tiefe zu fahren. Dabei machten beide geschmeidig und im Gegensatz zur Virtuosität der Handführung dem Duktus der Melodien folgend, beinahe zierlich anmutende Schritte. Mehrmals vollführten die Anwesenden diese nach Verwicklung aussehende Handlung, um dann bald einmal die Tänzerin alleine lassend, sich in der Mitte im Männerkreis zu treffen. Es waren mehrstimmige Gesänge, deren Inhalt uns keineswegs verständlich war. An der Mimik der Männer aber war eine Ernsthaftigkeit zu erkennen. Diese Heftigkeit hatte sogar etwas von Brachialgewalt und vermengte sich zu einem eindrucksvollen Ganzen. Schlussendlich legten Sie einen Pascher hin, von dem eine monumentale Wirksamkeit ausging. Alsob es auf der Welt nur diesen Flecken gäbe und dieser sich in den Mittelpunkt alles Menschlichen rücke. Es war ein Manifest des Augenblicks und zugleich eines der Vergänglichkeit.

Ein Geigenstrich auf Gedeih und Verderben

Auf der Bühne aber geigte der Loitzl, dem damals schon einer seiner Finger fehlte, so fein und zielstrebig, wobei der kurze Strich eine prägnante Melodie hinterließ. Ein Pendant zu der dauerhaften Atemlosigkeit der Tanzenden, würde ich sagen. In seinem Gesicht war Konzentration zu erkennen, wobei seine Mundwinkel verbissen zuckten, als ob es sich beim Landler um eine Zangengeburt handle. Gleichzeitig aber hatten seine Augen die Strahlkraft eines Dämons, der es dem Tanzpublikum erst recht geben will – auf Gedeih und Verderben. Jahre später erlebte ich denselben Geiger wieder, mit noch einem Finger weniger – er hatte sich eine weitere Verletzung zugefügt. Das hat mich zutiefst beeindruckt und in mir die Erkenntnis reifen lassen, dass die Musik eben sosehr zum Menschen gehört, dass das Weglegen der Geige einer weiteren Amputation gleichkäme.

Die Posaune und die Sicherheit der Hosenträger

Im Hintergrund ist mir der Ventil-Posaunist aufgefallen, dessen schlanke Gestalt und dessen Outfit – wie man heute sagt. Es war eine schlichte ausgelatschte Schnürlsamthose, die erst mit Hosenträgern ihre Sicherheit erlangte. Dazu trug der Musikant ein grob kariertes Hemd. Seine Posaunen-Tonfolgen sind mir heute noch im Ohr und ich habe das unbedingte Verlangen, beim Spielen eines Steirers oder Landlers, ihm – dem Vorbild von damals – mit meiner Ventilposaune zu folgen.

Der Impulsgeber für die tanzenden Seelen

Dabei hat er beim Beginn zum Steirer die ersten vier Takte meist die Hauptmelodie mit vollzogen, hat sich dann eine dritte Stimme genau dazwischen gesucht und seinem emotionalen Empfinden nachgegeben, um zwischendurch bald einmal wieder der Melodie Vorschub zu leisten. Das war eine selten schöne Einfügung in das Ensemble, ohne sich virtuos hervor zu tun, immer dem Gesamtklang und der Impulsgebung für die tanzenden Seelen dienend. Schade, die anderen Musiker habe ich nicht so sehr in Erinnerung. Den Ziachspieler habe ich vielleicht deshalb nicht so beachtet, weil ich ja ein Geiger war – das war ja durch den leeren Koffer unter der Bank ausreichend bewiesen. Der Bassgeiger ist mir auch nicht in Erinnerung, aus einem einfachen Grund: Er war von meinem Blickwinkel aus meist verdeckt.

Was man für das spätere Leben alles mitnehmen kann

In meinem späteren Leben habe ich – auch in einer damals bald agierenden Familienmusik Härtel – viel an aufgesetzter und gewollter Harmonie kennen gelernt. Dazu die Volksmusik aus dem Rundfunk und das Bemühen des ORF nach Wohlklang, nach geschönter und lupenreiner Volksmusik. Dann das Ergebnis der vielen Wettbewerbe, die der Virtuosität huldigten, aber dem Wesentlichen der Musik keinen Raum ließen. Ergo: Was ich damals aus der Wirtsstube beim Schraml mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass doch der Zweck die Dinge heiligt, dass sich das Spiel mit den Tönen erst zusammen mit der Benützbarkeit und Lustbarkeit der Menschheit zum Göttlichen auf Erden steigert. Seit damals weiß ich: Wir sollten nicht zu allem was uns vorgesetzt wird Musik sagen.


Aufgeschrieben für Hermann Rastl als Hintergrundinformation für seine Musikantengeschichten aus dem Ausseerland. 2016; Grundsätzlich sind alle hier veröffentlichten Inhalte urheberrechtlich geschützt und sämtliche Rechte vorbehalten.